Mein alter Herr ist gegangen

Für meinen Vater, der am 24. Oktober gestorben ist

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich schneide Sträucher und hebe Maulwurfshügel aus,

räume auf in meinem Haus und meiner Seele.

Ich singe und lese und weine und plane.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich blättere in Alben und wecke mir Erinnerungen.

Höre das Echo seiner Stimme.

Sehe die vertrauten Gesten.

Fühle den Abdruck seines Lebens in meinem Leben.

Will trösten – auch mich – und forsche nach Trost.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich werde an seinem Grab stehen.

Ich werde Blumen bringen und meinen Dank

und meine Fragen und meine Liebe.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

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Holt euch den Pokal!

Predigt auf dem Jürmker Herbstmarkt am 18.9.2016

65132_original_r_by_kurt-brodbeck_pixelio-de Kurt Brodbeck / pixelio.de

Die Tribünen sind mal wieder voll von Menschen –der Pastor mit Vereins-Schal und Talar, die Gäste in leichter Sonntagskleidung, bereit für das große Spiel des Glaubens auf dem Rasen, der das Leben ist. Die Gesänge kennen die meisten, das Ritual von Aufstehen und Setzen, die Liturgie der wechselnden Zurufe, die Klagen und die hoffnungsschweren Bitten, dass es gut ausgehen möge mit unserem Spiel auf dem Rasen des Lebens. Wir sind wieder da um all das zu tun.

Aber das allein zählt nicht.„Die Wahrheit ist auf’m Platz“, sagt die alte Schalker Fußballweisheit. Und „auf’m Platz“, meine Lieben: das ist das Leben. Und die Frage, wie wir es anpacken, und die Frage, was wir da einsetzen an Vertrauen, an Hoffnung, an Mut, an Liebe. Da wird sich zeigen, was unser Glaube wert ist. Da ist die Wahrheit „auf’m Platz“.

Darum wundert mich nicht, dass der alte Apostel Paulus, dem das wohl keiner zugetraut hätte, plötzlich zum leidenschaftlichen Sport-Fan wird: Er redet vom Wettkampf, vom Lauf, vom Ziel, vom Siegerkranz, und dass du dich dafür auch richtig reinhängen musst, wenn du gewinnen willst!

Also gucken wir mal hin, was wir von Paulus lernen können. Und wie wir dieses Spiel gewinnen, von dem Paulus spricht.

Zunächst noch mal: Christsein ist auch wie ein Wettkampf.Wer von Euch treibt Sport? Hat früher Sport getrieben? Nicht wahr – Sport macht glücklich! Beim Sport spürst du deinen ganzen Körper vom Kopf bis zu den Füßen, kannst ausprobieren, wie weit du kommst und alles geben, was in dir steckt. Und hinterher – so was von zufrieden! – ab unter die Dusche!

Wettkampf – na klar, das ist auch „Kampf“. Das kann anstrengend werden, da triffst du auch auf Widerstand, da gibt es Gegner. Was meint Ihr: Wer ist der größte Gegner eines Sportlers? (…) ER SELBST! Wenn er seinen Hintern nicht hoch kriegt, um zu trainieren; wenn er sich fürchtet vor seinem Gegenspieler, wenn er nicht auf den Trainer hört, wenn er nicht auf seine Fitness achtet. Als Christ geht Dir das genau so: Dein größter Gegner bist Du selber! Keine Lust, was von Gott zu lesen – könnte ja sein, dass die Bibel deinen Lebensstil kritisiert, zu faul, um in unser Stadion zu gehen und gemeinsam mit anderen und mit Gott Gottesdienst zu feiern, immer wieder lieber auf dich selbst hören als auf das, was Du von Jesus gelernt hast, lieber nicht mit Gott reden, weil auch Beten Deine kostbare Zeit in Anspruch nimmt. Lieber nicht zeigen, dass Du doch Gott vertraust und an ihn glaubst, weil die anderen es ja nicht tun und dir das peinlich ist.

Liebe Mitspieler, das alles kenne ich persönlich und nur zu gut und ich kann Euch aus eigener Erfahrung sagen: Bei solchen Löchern in der Verteidigung, bei diesen Schwächen im Angriff verlierst du jedes Spiel!

Darum – Erstens: Wir haben einen Trainer – den besten, den es gibt: Gott! Der kennt uns bestens, weiß, was wir können und weiß, wo unsere Schwächen sind. Und wir haben einen Spielführer in der Mannschaft, einen besseren kriegst du nicht! Denn der kennt sich aus mit dem Wettkampf des Lebens, der hat selber gekämpft. Er hat wirklich alles gegeben – sogar sein Leben, damit wir nicht verlieren. Seitdem ist keiner mehr verloren, der sich an ihn hängt. Seitdem kann kein Spielstand in unserem Leben so aussichtslos sein, dass er uns nicht wieder da rausholen könnte. Er – und wir wisst, wen ich meine – Jesus, er weiß genau, wie unser Leben gewinnen kann. Seine Anweisungen für das gewonnene Leben finden wir im Taktischen Handbuch unseres Trainers – in der Bibel!

Zweitens: Christen spielen immer im Team. „Ein Christ ist kein Christ“ sagt ein Sprichwort. Und das stimmt. Lasst Euch nichts anderes erzählen –die Leute sagen zwar gerne: Ich kann auch für mich alleine glauben, dafür brauche ich die Kirche nicht, dafür brauche ich die Leute im Gottesdienst nicht,fehlt nur noch, dass sie sagen: dafür brauche ich Gott auch nicht! Hey – das stimmt nicht! Christen spielen immer im Team! Das ist wie beim Fußball: Was nützt der beste Stürmer, wenn hinten die Abwehr nicht dicht hält? (Arminias 4:4) Was nützt hinten der beste Torwart, wenn vorne keiner trifft? Bevor das „Wunder von Bern“ Wirklichkeit werden konnte, hat Sepp Herberger zu seinem Team gesagt: „11 Freunde müsst wir sein!“ Jesus hat noch deutlicher ausgedrückt, worauf es ankommt bei unserem Wettkampf:  „Liebe deinen Nächsten, so wie dich selbst!“ Und wie das gehen kann, das hat Uwe Seeler ganz toll für seine Enkel aufgeschrieben. Er redet da zwar vom Fußball, aber wenn wir Christen das mal auf uns übertragen – wir können davon eine Menge lernen: “Ist dein Mitspieler nicht gut drauf, dann musst du ihm helfen. Für ihn mitrennen und kämpfen (…) Hat dein Mannschaftskamerad sein Handtuch vergessen, dann gib ihm einen Zipfel von deinem eigenen ab – aber den trockenen. (…) Gibt’s nur eine Flasche Wasser, mach keine zu großen Schlucke. Der Kumpel hat auch Durst. (…) Fußball ist ein Mannschaftssport.“ Genau, Uwe – genauso wie das Christsein!

Drittens:
Niederlagen. Gibt’s auch bei Christen.Ich seh noch das Bild nach dem WM-Finale 2002 vor mir: Oliver Kahn an seinem Torpfosten sitzend, mit leerem Blick ins Unendliche starrend. Sein kapitaler Fehler hatte den möglichen Weltmeistertitel gekostet. Und da war Kahn, der bis dahin Unbesiegbare, der Titan, da war Oliver Kahn der verlorenste und einsamste Mensch auf der Welt. So schnell kannst du abstürzen, machst den entscheidenden Fehler, der dich eine Freundschaft kostet oder eine Liebe oder den Job. Darüber hinaus: Wir leisten uns manchmal ganz schön böse Fouls an unseren Mitmenschen, ganz zu schweigen von dem, was wir für finstere Gedanken und Gefühle in unserem Herzen tragen! Wenn das alles wahr würde, was da drin ist, wären wir gesperrt auf Lebenszeit! Der Teamchef, der sieht das alles: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, GOTT aber sieht das Herz an!“ sagt die Bibel. Und eigentlich müsste ER uns Versager dann  auf die Ersatzbank verbannen oder auf die Tribüne oder müsste uns sogar aus der Mannschaft werfen. So, wie man das sonst tut unter uns Menschen, wo uns die Freunde oder die Lehrer oder der Chef  einfach aus dem Spiel nehmen. Ende. Aus. Gott macht das nicht. Er ist einfach da, bereit, dir wieder auf die Beine zu helfen. Weiß auch nicht warum, aber irgendwie muss ER schon sehr an uns hängen. So viel Geduld mit uns hat sonst keiner. Wahrscheinlich gibt’s auch keinen, der uns so sehr liebt wie ER … Für ihn bleibe ich wertvoll mit meinen Macken und mit allem, was ich falsch gemacht habe. Er gibt mir immer wieder eine neue Chance, es gut und richtig zu machen. Bei Gott bleibst du im Spiel.

Viertens: Zuschauer. Können wir kurz machen: Christen sind keine Zuschauer. Niemals. Wer nur zuschauen will, hat nicht verstanden, dass er in die Mannschaft gehört und dort seinen Platz und seine Aufgaben hat. Christen gucken nicht zu, Christen packen an.

Fünftens: Der Siegespreis. Früher kriegten die Sieger einen Lorbeerkranz umgehängt, heute gibt es eine Medaille oder einen Pokal. Was ist das eigentlich bei uns Christen? Dieser Siegerkranz, dieser Pokal? Ich frag mal anders herum: Warum tun Christen das alles, was sie tun:
Beten, Gottesdienst feiern, Bibel lesen, versuchen, den Nachbarn zu mögen, Geld spenden, Zeit spenden, Leuten helfen, die in Not sind? Warum tun Christen das? Was treibt sie an?

Der Pokal … Ich glaube ganz fest, dass das Glück unseres Lebens letztlich bei Gott liegt. Und ich weiß, dass das unendlich viele auf der ganzen Welt genauso glauben. Und genauso erfahren haben. Und der Pokal, der Siegespreis – das ist dieses letzte, größte Glück.

Darum will ich Gott so nahe wie möglich kommen, so nahe wie meinem allerbesten Freund, wie meiner großen Liebe. Ich will Gott spüren in jedem Atemzug, den ich atme und bei jedem Schritt, den ich gehe.In der Liebe, die mich ergreift und in jedem Schmerz, den ich lindere, wenn ich am Ende bin und nicht mehr weiter weiß, immer will ich Gott spüren. In jedem Menschen, der mein Leben reicher macht, will ich Jesus entdecken. In den Worten und Geschichten dieses grandiosen heiligen menschlichen Buches Bibel will ich Gott suchen – und da finden wir ihn auch!

Und –  wir finden Gott und finden das Glück, wenn wir den Weg gehen, den Jesus vorangegangen ist. Denn er ist wohl der glücklichste Mensch gewesen, der je auf Gottes Erde gegangen ist. Kein Wunder, denn er war immer ganz nah bei Gott!

So, meine Lieben, kommen wir zum Schluss: Wir Christen tragen gewissermaßen das Kreuz auf unserem Trikot. Wir wollen es selbstbewusst tragen und nicht ausziehen. Denn Gottesdienst bedeutet nicht Schlusspfiff, sondern Anpfiff! Dann folgen wieder Spiel auf Spiel, Wettkampf auf Wettkampf. Achtet auf Eure Fitness: Das Gebet, die Bibel, der Gottesdienst. Bleibt im Team! Vertraut dem Trainer! Folgt dem Spielführer!

Und dann geht raus und holt Euch den Pokal!

Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das Ewige Leben

Aus einer Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis

Der alte Mann aus der Wohngruppe ist letzte Woche gestorben. Alle, die ihn betreut und gepflegt hatten und auch seine Angehörigen standen mit mir an seinem Bett. Wir sangen vom Glauben der Christen an die Auferstehung, wir hörten von Gottes Liebe zu denen, die gestorben sind und zu denen, die leben, wir beteten unsere Hoffnung für den alten Mann und für uns, wir segneten ihn für seine Himmelsreise. Da war ein Frieden, der uns alle intensiv verband. Da war keine Angst. Und nicht nur Traurigkeit, sondern Frieden. Und Helene lächelte und sagte: „Er ist jetzt bei seinem Herrn“. Und als wir gemeinsam den Sarg aus dem Haus brachten, stand über dem Verstorbenen die Abendsonne wie ein Versprechen: „Du kommst nach Hause.“

„Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“

Die Vergebung der Sünden: die erste große Verheißung!
Im Kleinen Katechismus Martin Luthers lesen wir, dass es der Heilige Geist ist, der das in Jesu Gemeinde bewirkt: „in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt.“ Das müsst Ihr Euch wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen:

Täglich! Alle Sünden! Reichlich! Vergibt. Können wir das glauben? Nehmen wir das ernst?
Wir glauben es nicht und nehmen es nicht ernst, wenn wir weiterhin krampfhaft versuchen, zu vertuschen, was wir anrichten, es vor uns selber schön zu reden, unsere Hinterhältigkeit mit Sachzwängen zu rechtfertigen und unsere Gemeinheiten mit dem Guten, für das sie dienen sollen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel!

Darüber hinaus – was für eine Anstrengung, was für eine Quälerei und was für eine Folter für unsere Seele: dieses Heucheln, Attackieren, Beschönigen, Vertuschen, Andere-Beschuldigen!

… mir täglich alle Sünden reichlich vergibt“ Als Jesus Petrus die Füße waschen wollte, weigerte sich Petrus zunächst: das meinte er von Jesus nicht annehmen zu können. Er hielt sich dafür für viel zu gering. Als Jesus ihm sagte, dass er dadurch Teil an ihm hätte, wenn er Petrus die Füße waschen würde, da hätte Petrus sich am liebsten den ganzen Leib von Jesus waschen lassen.  Vergebung der Sünden ist Jesu Fußwaschung an uns, an Euch, an mir. Wollen wir das zulassen an uns? Wollen wir uns die Sünden vergeben lassen und endlich frei werden? Von dem, womit wir uns und andere beschädigen?

Matthias Claudius schrieb:
„Wer nicht an Christus glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und du können das nicht. Wir brauchen jemand,  der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hände unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen; und das kann er überschwänglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wir’s lieber hätten.“

Die Auferstehung der Toten – die zweite große Verheißung! Im Kleinen Katechismus Martin Luthers lesen wir, dass der Heilige Geist „am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird“. Und das sprengt nun alles, was der menschliche Verstand erfasst. Auferstehung von den Toten? Wieder lebendig werden? Nachdem doch alles tot und vergangen ist? Wo ist der Beweis? Zurückgekommen ist noch niemand – außer Jesus! Aber sonst jedenfalls niemand, den wir persönlich kennen und dazu befragen könnten, ob das wirklich wahr ist. Und da wir alle menschliche Wesen mit Verstand sind, können wir in der Regel nicht akzeptieren, dass unser Verstand Grenzen hat. Und vielleicht doch nicht alles erfasst. Auch nicht bei dem Glauben an die Auferstehung.

Dazu ein Gleichnis – nicht aus der Bibel: Ein Gespräch von Zwillingen, die sich vor  ihrer Geburt im Schoß der Mutter unterhalten. Die Schwester sagte zu ihrem Bruder: „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt!“ Ihr Bruder erhob lebhaft Einspruch: „Nein, nein. Das hier ist alles. Hier ist es schön und warm, und wir brauchen uns lediglich an die Nabelschnur zu halten, die uns ernährt.“ Aber das Mädchen gab nicht nach: „Es muss doch mehr als diesen dunklen Ort geben; es muss anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann.“ Aber sie konnte ihren Zwillingsbruder nicht überzeugen. Dann, nach längerem Schweigen, sagte sie zögernd: „Ich muss noch etwas sagen, aber ich fürchte, du wirst auch das nicht glauben: Ich glaube nämlich, dass wir eine Mutter haben!“ Jetzt wurde ihr kleiner Bruder wütend: „Eine Mutter, eine Mutter!“ schrie er. „Was für Zeug redest du denn daher? Ich habe noch nie eine Mutter gesehen und du auch nicht. Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt? Ich habe es dir doch schon gesagt: Dieser Ort ist alles, was es gibt! Hier ist es doch alles in allem gar nicht so übel. Wir haben alles, was wir brauchen.“ Die kleine Schwester war von dieser Antwort ihres Bruders ziemlich erschlagen und wagte eine Zeitlang nichts mehr zu sagen. Aber weil sonst niemand da war, mit dem sie hätte darüber sprechen können, sagte sie schließlich doch wieder: ..Spürst du nicht ab und zu diesen Druck? Das ist doch immer wieder ganz unangenehm. Manchmal tut es richtig weh.“ ,,Ja“, gab er zur Antwort, ,,aber was soll das schon heißen?“ Seine Schwester darauf: „Weißt du, ich glaube, dass dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Wird das nicht ganz aufregend sein?“ Ihr kleiner Bruder gab ihr keine Antwort mehr. Er hatte endgültig genug vom dummen Geschwätz seiner Schwester. (nach Henry Nouwen)

Es ist schon eine Not mit dem Sterben.Sterben ist nicht harmlos und nicht banal. Sterben ist auch schwer. Ob und wenn ja, wie es weitergehen wird mit unserer Lebens-Reise, das haben wir nie gesehen. Die Witwe eines gerade Gestorbenen sagte mir einst, wie um mich zu trösten: „Ich glaube ganz fest: Sterben ist wie Geborenwerden, nur in die andere Richtung“. „In welche Richtung, glauben Sie?“ fragte ich sie. „Ins Leben“ war ihre Antwort.

„So sollen wir auch in der Angst des Todes erwägen,“ermutigt uns Martin Luther, „dass danach ein weiter Raum und große Freude sein wird!“

Das ewige Leben – die dritte Verheißung. Der Heilige Geist wird „mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben“, so beschreibt es Luther in seinem Kleinen Katechismus. Im Zusammenhang von der Auferstehung der Toten vom Ewigen Leben zu hören, könnte uns glauben lassen, das Ewige Leben sei etwas, das nach dem Tod beginnt und dann für immer – also ewig – andauert. Doch das ist Ewiges Leben nicht. Ewigkeit ist keine Zeitangabe. Ewigkeit ist der Raum, in dem Gott wirkt, in dem Gott ganz und gar wirkt. In dem es keine andere Macht gibt als Gott. Wo,  „der Tod … nicht mehr sein (wird), noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ und keine Tränen mehr geweint werden müssen. (Offb. 21)

Und ein zweites: Ewigkeit ist der Raum, wo die Liebe durch Gott schließlich ihre Vollendung erfährt. Wenn das geschieht, wird ewiges Leben sein. Wo das geschieht, ist ewiges Leben. Denn es beginnt schon hier, das ewige Leben, mitten unter uns in unserem Leben. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17, 20ff.) hat Jesus gesagt.

Hört genau hin: Nicht wir sind hier im Reich Gottes, in der Ewigkeit (noch nicht!), sagt Jesus, sondern die Ewigkeit ist unter uns.

Was bedeutet das? Unter all dem, was gar nicht nach Gott und Ewigkeit und Himmel aussieht, also unter der Krankheit und dem Streit, dem Abschied und der Verzweiflung, der Angst und der Depression ist dennoch Gottes Ewigkeit. Ist Gottes Raum und Wirken.

Es ist schade, dass wir das oft nicht sehen können, dass wir das nicht glauben können, und uns darum gottverlassen vorkommen. Es ist schade, aber es ist verständlich.

Dennoch ist es da, mitten unter uns, das Himmelreich. Und manchmal berührt der Himmel tatsächlich die Erde. Manchmal wird unser Leben von Gottes Ewigkeit berührt.

Wo dich ein Glaubenslied tröstet, wo ein Bild dich öffnet für die Kostbarkeit des Lebens, wo dich im Abschied unverhofft die Hoffnung emporhebt, wo die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern dir Frieden gibt in dein ängstliches rastloses Leben. Wo wir das erleben dürfen, und sei es nur für einen Moment, was Jesus den Leuten damals gab. Und wir diesen Moment stark sind in uns und fröhlich und mutig und beglückt und voller Liebe zum Anderen weil wir in diesem Moment Gott erkannt haben.

Und wisst Ihr: Wenn wir glauben können und da, wo wir glauben können, da ist diese Ewigkeit mitten unter uns.

Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, hatte ich mal einen Traum, den ich nie wieder vergessen konnte: Ich träumte, die Welt ginge unter und Jesus käme wieder, um die Leute zu holen, die in den Himmel dürften. Das war wie eine große Wolke, die kam herunter vom Himmel auf die Erde, und ich durfte aufsteigen. Als sich die Wolke wieder Richtung Himmel in Bewegung setzte und ich mich umsah, erblickte ich meinen Bruder, der auf der Erde zurückgelassen worden war. Das machte mich so unglaublich traurig, dass ich zu weinen begann – und aus dem Traum erwachte. Zum Glück nur ein Traum – und bestimmt war es arrogant von mir, zu träumen, dass gerade ich in den Himmel komme und mein Bruder nicht, klar –  aber wenn ich auch nicht weiß, ob mich Gott einst bei sich aufnehmen wird oder nicht, eines weiß ich seit damals ganz genau: Ich will in keinen Himmel, in dem nicht auch die sind, die ich liebe!

Und was will Gott? Ich habe mal in der Bibel nachgeguckt, darin steht 12-mal das Wort „Hölle“. Aber das Wort „Himmel“ kommt 356-mal vor… Ich bin ganz sicher – Gott hat nur einen Gedanken, eine Meinung, ein Ziel: dass wir alle zu ihm kommen.

Allerdings schaffe ich das nicht aus eigener Kraft. Da müsste ich eigentlich verzweifeln. Aber ich halte es lieber mit Martin Luther, der gesagt hat: Verzweifeln? Das lass ich bleiben. Ich hänge mich  an Jesus Christus (mit meiner ganzen Hoffnung). Dann sagt der zu Gott: Dieses Anhängsel muss auch durch in den Himmel. Er hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten. Vater, aber er hängt sich an mich mit seinem Glauben. Was will’s also! Ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlüpfen.    Das soll mein Glaube sein.

 

„… zu richten die Lebenden und die Toten“

aus einer Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis

Vor Jahren habe ich mal zum Thema „Himmel und Hölle“ predigen sollen. Nach dem Gottesdienst kam ein junger Mann zu mir, der kritisch anmerkte, ich hätte doch viel zu wenig von der Hölle gepredigt und dass natürlich jeder, der sich nicht für Jesus entscheidet, am Ende dort landen wird, jeder verworfen ist, der nicht glaubt – dorthin, wo „sein wird Heulen und Zähneklappern“ wie in der Bibel zu lesen sei. Ich hätte also – mit meinen Worten – der Gemeinde ein bisschen die Hölle heiß machen sollen.

Ich fragte ihn, warum ich das hätte tun sollen. Er antwortete: Damit sie Angst bekommen vor dem Jüngsten Gericht. Und sich deshalb bekehren.

Haben Sie eben bei der Lesung vom Weltgericht (Matthäus 25, 31-46) Angst gehabt oder zumindest ein unangenehmes Gefühl verspürt? Mir ging das viele Jahre so. Nicht nur mich verwirrten diese Aussagen des Neuen Testaments:
Hat Gottes Barmherzigkeit doch ein Ende? Wenn die einen gerettet, die anderen verworfen werden? Bedeutet der Tod von Jesus am Kreuz am Ende, dass ich das ja nie wieder gut machen kann, was er da erlitten hat und deshalb mein Leben lang Angst haben werde, dass ich es nicht in den Himmel schaffe, sondern verloren gehe?

Auf Gedeih und Verderb – Gott ausgeliefert?

Darum zunächst ein paar Gedanken zur Angst  als Lehrmeister und zum Evangelium als Lehrmeister. Zum einen:

Manches altgewordene  Gemeindeglied hat mir erzählt, wie früher in der Schule oder auch im Konfirmandenunterricht mit Strafen, ja mit Schlägen, Disziplin und Lehrstoff eingeprügelt wurden.

Was aber lernt solch ein Kind?          Es lernt Angst.

Es lernt nicht begreifen, es lernt: Wenn ich der Strafe entgehen will, muss ich tun, was mir gesagt wird. Ohne Fragen, ohne Widerspruch.

Es lernt nicht, weil es überzeugt wurde, was es damit gewinnt.

Es lernt nicht, weil es neugierig gemacht wird auf die Welt.

Es lernt nicht, dass das Leben wunderschön ist, dass Liebe und Gottes Schöpferreichtum darin sind.

Nein: es macht aus Angst das, was man ihm sagt, das Kind. Und wird im Übrigen später mit seinen Kindern und Anbefohlenen genau so umgehen. Das Einzige, was Strafe lehrt, ist Furcht. Sonst nichts.

Zum anderen trifft es sowieso immer die Falschen. Die, die sowieso bemüht sind, die kriegen Angst. Wenn ich früher im Konfi-Unterricht meinte, mit der Abschlussprüfung drohen zu müssen, weil einige Kids schon wieder die Hausaugaben nicht gemacht hatten, dann kriegten die Fleißigen Schiss und die Eifrigen machten sich Sorgen. Die faulen Großklappen aber ließ meine Strafandrohung völlig kalt. Ob nicht manche furchtsame Christenseele, eifrig um den Glauben bemüht, in großer Angst vor der Hölle lebte, während es die Tyrannen und Machtmenschen bis heute nicht für 5 Pfennig interessiert, dass von Gottes Gericht gesprochen wird.

Und Jesus: Er ist immer darauf aus, Menschen zu gewinnen, nicht Menschen zu bedrohen. Er setzte alles daran, dass die Leute begreifen, was sie falsch gemacht haben. Dass wir lernen, um wieviel reicher und erfüllter das Leben ist, wenn wir es in den Wegen von Jesus gehen. Zachäus, dem alten Betrüger, wurde nicht mit der Hölle gedroht, nein: Jesus lud sich bei dem kriminellen Zöllner zum Essen ein. Da hat Zachäus begriffen, wie arm sein Leben vorher war und wie er es mit Ehrlichkeit und Güte segnen lassen kann.

Also Fazit:

  1. Angst ist ein untauglicher Lehrmeister. Haben wir in der Kirche hoffentlich endlich begriffen.
  2. Es passt nicht zu Jesus, es passt nicht zu seinem Evangelium, dass er uns mit Strafe und Angst in die Arme Gottes treiben will.

Da könnten wir in der Kirche gleich wieder die Inquisition einführen oder das Waterboarding.

Was also will Jesus mit seiner Predigt vom Gericht?

Er will, dass wir begreifen. Wir haben es eben in der Lesung gehört: Jesus sagt, am Ende, da geht’s um euer Leben und was ihr damit gemacht habt. Da zählt nicht dein Geld und nicht dein guter Ruf im Ort. Es spielt keine Rolle, ob du Presbyterin warst oder Pastor, Bankier oder Tischler, ob du in 2000 oder in 2 Gottesdiensten warst.

Das einzige, was dann zählt, sagt Jesus, ist:
Was hast du mit deinen Mitmenschen gemacht? Wenn sie dich brauchten, hast du sie im Stich gelassen oder hast du ihnen beigestanden? Hast du ihnen die Hölle heiß gemacht oder ihnen ein Stück Liebe vom Himmel geschenkt?

Das sind nun allerdings sehr ernste Fragen an jeden von uns. Denn von jeher liegen wir Menschen Jesus Christus am Herzen, auch jetzt noch wie zu seinen Erdenzeiten: und es sind besonders die Kleinen, die Geschlagenen und die Geschundenen, die Opfer, die Missbrauchten, für die er eintritt, denen Gerechtigkeit widerfahren soll.

Und dann beim Jüngsten Gericht, wenn Christus gekommen ist „zu richten die Lebenden und die Toten“, dann wird er den Schleier von unserer Verlogenheit und unserem Selbstbetrug wegziehen. Und ich stelle mir vor, dass wir dann – vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben – wirklich erkennen, was wir einander angetan haben. Und was wir einander schuldig geblieben sind. Was wir mit Absicht oder aus Gleichgültigkeit getan und versäumt haben. Dass wir das dann erkennen, das wird uns richtig weh tun. Und wir werden uns dann fragen: Wie konnten wir nur so dumm sein und so grausam zueinander und so feige und undankbar gegenüber Gott, der uns allen doch dieses wunderbare Leben geschenkt hatte! Und wir werden – vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben – glasklar wissen:
Es stimmt, wir sind wirklich selber schuld, da gibt’s nichts:
vor diesem Gericht, dem Gericht Gottes und Jesu Christi sind wir schuldig.

Jetzt erst einmal tief durchatmen!

„Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“

Rabbi Susja sagte am Ende seines Lebens:
„In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?‘ Man wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht Susja gewesen?‘

Ist es das, worum es am Ende im Gericht gehen wird?

Jesus hat dazu seinen Zuhörern ein Gleichnis erzählt: Ein hoher Herr begab sich auf eine weite Reise. Während seiner Abwesenheit sollten seine drei Angestellten sein Vermögen nach ihren Möglichkeit vermehren. Dem einen gab er 5 Talente, dem zweiten 2 Talente, dem dritten 1 Talent. Der erste handelte mit dem anvertrauten Geld und verdoppelte es. Der zweite machte es ebenso und verdoppelte ebenso das anvertraute Geld. Der aber, der 1 Talent empfangen hatte, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld darin (!!!) Ja, geht’s noch??!

Wahrscheinlich haben die Zuhörer an dieser Stelle den Kopf geschüttelt, haben schallend gelacht über die Dummheit dieses dritten Angestellten. Da hätte er das Geld doch auf die Bank bringen können, da hätte er es wenigstens ein bisschen vermehrt, aber vergraben?? Dafür muss man wirklich selten dämlich sein.

Und mehr brauchte es bei diesem Gleichnis auch nicht. Auch wenn spätere Textbearbeiter da noch eine kräftige Gerichtsandrohung angehängt haben – das Gleichnis spricht für sich. Es geht nicht um Drohung, nicht um Angst, nicht um Strafe.

Es geht um viel Wichtigeres: Du hast von Gott ein Talent bekommen (interessant, welche Bedeutung diese Währungseinheit bei uns hat, nicht wahr?) Du hast von Gott etwas mitbekommen, das liegt in dir und kann sich vermehren, will sich entfalten. Das bist du.

Warum sind wir auf dieser Welt? Der Philosoph Kierkegaard hat geantwortet: Nicht um ein Ideal zu werden. Und schon gar nicht, um ein Normal zu werden, sondern ein Original!

Ein Original zu werden, heißt nicht: Verbesser dich!
Ein Original zu werden, heißt: Entfalte dich!

Entfalte, was Gott in dich gelegt hat. So viel Gutes! Du bist da, damit die Welt um diesen einen eigenen Ton, um diesen eigenen Klang reicher wird. Keine Angst: Es gibt keine falschen Töne, es gibt nur originelle. Wer einmal das Finale im Film „Wie im Himmel“ gesehen hat (auf jeden Fall ansehen, diesen Film!), der erinnert sich. Es gibt keine falschen Töne, sondern jeder und jede mit dem eigenen Ton bringen einen Gesamtklang, der es „wie im Himmel“ sein lässt. Stellt euch das mal für unsere neue große Gemeinde vor!

Wenn wir die Bibel lesen, entdecken wir, dass Jesus sich am liebsten da aufhält, wo es nach allem, aber nicht nach Himmel aussieht. Die Leute, denen er sich zuwendet, haben ganz schön kräftige Macken. Und die Leute, die Vater und Sohn auswählen, um für sie wirken, sind alles andere als himmlisch. Mose, Josef, David, Petrus – gute Güte, das sind Menschen von hoher Mittelmäßigkeit. Es sind Originale. Wie du und ich. Sie bekommen Raum, ihr Talent zu entfalten. Dabei machen sie auch Fehler. Sündigen. Laden Schuld auf sich.

Wenn wir uns nur damit aussöhnten, dass auch wir selber mittelmäßig sind. Nicht dass wir perfekt sein wollen, bringt uns in den Himmel. Leute, die perfekte Christen sein wollen, perfekte Gläubige, dürfen sich keine Fehler erlauben. Und meistens verzeihen sie sich selbst ihre Fehler nicht. Oder vertuschen sie. Und beides tut nicht gut.

Wir sind Originale. Und vor Gott sind wir bestenfalls mittelmäßig. Nur wenn wir unsere Mittelmäßigkeit begreifen, werden wir offen für Gottes Barmherzigkeit, werden wir offen für Gottes Gaben, werden wir offen für Gottes Vergebung, werden wir offen für seine Gnade.

Nur wenn wir begreifen, dass unsere Hände vor Gott leer sind, können wir sie uns von IHM füllen lassen.

Sind wir also auf Gedeih und Verderb … Ja, sind wir: In Gottes Hand.

Schon oben

Wir waren 8 Kinder“, erzählte Martha, die schon gut über siebzig ist, „doch zwei sind schon oben“. Ihre beiden kleinen Geschwister waren schon vor Jahrzehnten ganz jung gestorben.

Sie hätte auch sagen können: „Sie sind früh gestorben“ oder „Sie sind schon lange tot“. So wie ich das gewöhnlich ausgesprochen höre. In diesen gewohnten Worten schwingt immer eine schwere und harte Endgültigkeit mit, dass es nun „aus und vorbei“ ist. Und vielleicht auch, dass es uns genauso einmal treffen wird. Und dass ich da vielleicht jetzt lieber nicht weiter darüber nachdenken will. Je nachdem, mit welchem Blick auf den eigenen Tod wir durch unser Leben ziehen.

Ich weiß nicht, ob Martha ihre Worte bewusst gewählt hat oder ob man das eben so sagt in dem kleinen Dorf in Österreich, wo sie wohnt. Ist mir auch egal. Doch wie sie den Tod ihrer kleinen Geschwister beschrieb – da kam auf einmal die Hoffnung vorbei und berührte mich. Begleitet von einer seltsam glücklichen Zuversicht, die ich auch als Pastor nicht immer so verspüre.

„Zwei sind schon oben“. Das Leben endet nicht im Nichts. Es wandert weiter. Unterbrochen zwar vom Tod. Aber jemand zieht es da hindurch nach „oben“. Vielleicht so: Ich bin in diesen Tagen mal ein langes Stück gewandert, dann wurde mein Weg kurz vorm Ziel unterbrochen, als ich auf die Bahn wartete und fuhr dann schließlich heim.

„Zwei sind schon oben“. Dem Kirchenvater Hieronymus schreibt man die Worte zu: „Wer heimkehrt zum Herrn, bleibt in der Gemeinschaft der Gottesfamilie und ist nur vorausgegangen.“

„Zwei sind schon oben“. Ein schöner Gedanke. Ein Gruß von Martha.

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„Anbetung“ / Kuppel der Dorfkirche in Biberwier, Österreich

Meisterschale

Wir hatten Konfirmandentag. Zum Thema ‚Taufe‘ hatte ich die silberne Taufschale aus unserer Kirche in die Mitte unseres Stuhlkreises gesetzt. Der erste Kommentar kommt von Ben, wie immer ein kleines bisschen vorlaut und schneller als der Schall: „Meisterschale!“ Erst denke ich:“ O nee, Ben schon wieder, oje…“ Doch während ich weitermache, entfaltet sich mir aus seinem Kommentar im Hinterkopf ein Gedanke:

Taufschale – Meisterschale…

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Tatsächlich sieht sie ja mit ihrem silbernen Glanz und ihrem breiten Rand – mindestens aus der Ferne – der Meisterschale des Deutschen Fußballmeisters ziemlich ähnlich. Der Meister ist ja mit seinem Namen auf der Meisterschale eingraviert. Dafür haben die mehr als 11 Spieler eine ganze Saison lang hart gekämpft.

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Schauen wir mal, was in diese Meisterschale eingraviert ist: Ein Kreuz. Das steht für Jesus. Der Meister. Jedenfalls haben ihn so seine Jünger genannt: „Meister“. Und sein Zeichen, das Kreuz, zeigt, wie er diesen „Meistertitel“ erkämpft hat: mit seinem Tod am Kreuz.

Auf der Taufschale ist noch etwas eingraviert: ein Fisch. Das ist das Zeichen für die christliche Gemeinde. Wenn du getauft wirst, gehörst du dazu. Zur christlichen Gemeinde. Zu Gott. Die christliche Gemeinde, eingraviert in die Meisterschale von Jesus – wie haben denn wir uns diesen Meistertitel erkämpft?

Gar nicht. Das hat der Meister für uns getan. Und sieh an: Da in der Meisterschale eingraviert sehen wir, wie das Kreuz von Jesus und der Fisch – wir, seine Gemeinde – untrennbar verbunden sind. So ist Jesus, den man Meister nennt, mit uns, seiner Gemeinde, verbunden.

Wir sind nicht die Verlierer – auch wenn uns manches nicht gelingt und wir immer wieder versagen wie der Schütze beim Elfmeter.

Wir  sind die Meister – wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus unser Meister ist, der uns am allerbesten durch das Spiel dieses Lebens führen kann. Und wenn uns dabei die Kraft zu diesem Vertrauen, zum Glauben, einmal verlässt, wollen wir es halten wie Martin Luther:
Wir „kriechen zurück zu unserer Taufe“ und schreiben gegen alle Anfechtungen an jede Wand: „Ich bin getauft!“

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Taufschale, Meisterschale. Gute Idee, Ben.

Geht zu allen Völkern…

… sagt Jesus zum Abschied.

Können wir nachlesen bei Matthäus, Kapitel 28, Vers 18. Wir schaffen es ja gedanklich nicht einmal bis zur Nachbargemeinde. Wir sind in unserer Ortsgemeinde engagiert und gut beschäftigt, da liegt der Gedanke fern, dass es hinter dem Gartenzaun unseres Ortes ebenfalls Christenleute gibt, die – wie wir – glauben, hoffen, lieben und wirken, damit Kirche „a fine place to be“ ist.

Das macht auch Fusionsgespräche – wenn Gemeinden zusammengelegt werden müssen – nicht einfacher. Warum eigentlich? Was verlieren wir, wenn wir zusammengehen? Und was gewinnen wir?

Eines Abends vor etlichen Jahren schellte bei uns das Telefon. Als ich den Hörer abnahm, meldete sich eine weibliche Stimme mit einem charmanten schottischen Akzent und fragte, ob sie mit der Familie vom Pastor verbunden sei.
Als ich ihr das bestätigte, erklärte sie, sie sei Fiona aus Bearsden/Glasgow in Schottland und sie frage höflich an, ob sie für ein Praktikum in Deutschland bei uns wohnen dürfe. Als ich sie fragte, warum sie sich dafür gerade eine Pastorsfamilie ausgesucht hätte, antwortete sie: „Ich bin Christin – und ich möchte gerne unter anderen Christen sein. Da fühle ich mich in jedem Land zuhause…“
Und so war es dann auch mit Fiona aus Schottland – wir waren, als hätten wir uns schon Jahre gekannt, alles war uns so vertraut:
Gott und die Welt, Essen und Beten, Quatschen und Gottesdienst.
Tja – so ist das: Der Glaube an unseren Gott verbindet, Christsein verbindet. Es ist am Ende eine Kirche.

Durch Fiona ist mir noch mal deutlich geworden, was wir an unserer Kirche haben. Vielleicht ist nicht alles so, wie wir uns das wünschen, ganz bestimmt ist nicht alles so, wie Du Dir das wünschst.
Aber es ist die Kirche von Jesus Christus, genauso unvollkommen wie jeder von uns, genauso wenig perfekt wie die Leute, die damals mit Jesus unterwegs waren.
Aber ganz ehrlich:
ohne Kirche wäre uns die Welt doch sehr fremd, oder?
Dass wir mit anderen – „Fremden“ – zusammen Gottesdienst feiern können, egal in welchem Kirchraum, egal in welcher Form, das ist ein Stück Zuhause – in der Kirche.
Dass wir mit eigentlich fremden Leuten – wie ich damals mit Fiona – darüber reden kann, was wir hoffen und was wir glauben, dass wir dabei durch sie einen neuen Blick bekommen auf alles, vor allem auf das, was Grund unseres Glaubens ist und auf unser Verständnis von Kirche: das ist ein Stück Zuhause, ein weites, freie Zuhause – in der Kirche.
Dass du einfach weißt, wo du auch bist:
hier sind immer auch noch andere Christen,
und du gehörst zu ihnen, sie sind ein Teil deines Lebens
und du bist ein Teil von ihrem Leben
und du betest für sie und sie beten für dich.
Irgendwo gibt es immer Kirche, vielleicht ganz anders als hier im Ort oder in Bearsden/Glasgow, wo Fiona lebt – aber wir gehören dazu.

Da kann mir das Leben noch so fremd werden, ich habe doch ein Zuhause.
So wird mir meine Kirche immer wieder eine Herberge zum Ausruhen und eine Oase zum Feiern auf meinem Weg durch das Leben.
Zusammen mit all den anderen auf einem gemeinsamen Weg, bis wir dann irgendwann einmal endgültig bei Gott zuhause sein werden.

Seelen-Bruch

Seele
Hat einen Bruch
wie eine Rippe oder ein Bein
Kann nicht gehen
Kann nicht tanzen
Kann nicht ruhen
Kann nicht

Seele
Tut weh
Gedanken grau
Ängstlichkeit rast
Warum
Woher

Seele
wird eingegipst
wie eine Rippe oder ein Bein
Ich will
Behutsam mit ihr sein
Achtgeben
auf Gedanken
auf Ängstlichkeit
Will sie schützen
wie mein Kind
mein Kleines in mir

Die Welt
Dreht sich ruhig weiter
Darfst ruhen, Seele, und heilen

Berggedanken – Wegmarke JHS

Aufstieg durch den Wald.

Foto c Berggedanken 1

Hier muss ein Sturm wild gewütet haben: Dicht verästete Bäume liegen quer über dem schmalen Wanderpfad. Wir klettern, rutschen über den ersten hinweg und stehen schon bald vor dem nächsten.

Etwa ein bis zwei Meter über dem Boden sind sie gebrochen, große, scharf aussehende Splitter ragen aus den Bodenstümpfen in alle Richtungen. Abenteuerlich.

Foto b Berggedanken 1

Die Metaphern in diesen Bildern springen mich an:
der bisweilen schmale Lebens (Wander-)weg.
Die Mühe, die das Leben oft macht, wenn man es buchstäblich ersteigen muss.
Wege, die gefährlich sind, Leben, das bedroht ist, weil unvermittelt Sturm über uns hereinbricht.
Und wie manches Leben bricht, weil es ohne Schutz war, als der Sturm so furchtbar kam.

Links des Weges entdecke ich eine Markierung, an einem Baum angebracht. Es ist eigentlich keine Markierung, es ist eines von diesen Andachtshäuschen (ich weiß nicht, wie ich es anders bezeichnen soll), auf die man in Österreich an so vielen Orten trifft. Jemand hat es offensichtlich vor langer Zeit selbst gezimmert und hoch über dem Wanderpfad an einem Baum angebracht.

Foto Berggedanken 1

Ich trete näher und betrachte diese Wegmarke. Ein Bild der Muttergottes, umgeben von goldenen Strahlen, Heiligkeit, die Gott schenkt. „Maria hat geholfen“ steht darunter mit etwas ungelenk geschriebenen Buchstaben zu lesen. Und darunter, wie zur Bestätigung des eigenen Vertrauens in dieses Bekenntnis, „JHS“.
JHS – Jesus Christus.

Ob hier jemand gerade noch einem brechenden Baum ausweichen konnte, einem Gewitter entkam, vor einem einschlagenden Blitz bewahrt wurde wie einst Luther bei Stotternheim – wer weiß… „Maria hat geholfen“ ist seine dankbare Überzeugung, und jeder, der jemals hier aufwärts steigt, sollte das erfahren.

Ich halte inne. Maria hat für mich als evangelischen Christen diese Bedeutung nicht. Aber Bewahrung kenne ich auch.
Auf Klettersteigen und in Gewittern.
In erklärlichen und in unerklärlichen Ängsten.
In der Fremde und Zuhause.
Die Dankbarkeit jenes unbekannten Christenmenschen weckt meine Dankbarkeit.
Zu „JHS“.

Unser Aufstieg geht weiter. Irgendwie fester. Und irgendwie noch ein bisschen fröhlicher.

Ich hatte einen Engel

„Ich hatte einen Engel“, sagte der alte Mann, und er sagte es sehr ernst. „In der schweren Zeit war da mein Engel“.
Und dann erzählte er von den furchtbaren 10 Jahren seiner Kriegsgefangenschaft: wie sie hatten hungern müssen und frieren; und von der harten Zwangsarbeit im Steinbruch; wie manchmal die Angst ihn schüttelte  und die Verzweiflung so in ihm aufstieg, dass er daran zu ersticken meinte.
„Aber dann war da mein Engel“, sagte der alte Mann. Und er erzählte von neuer Kraft nach dem Zusammenbrechen und von manchem Gedanken der Hoffnung, der ihn bewegt habe – ganz un-verhofft.
Von dem einen oder anderen aufmunternden Wort sprach er, das ihm ein Mitgefangener sagte und das ihm neuen Mut gab, und auch einen Aufseher habe es gegeben, der sei freundlich gewesen, zu ihm, dem Gefangenen, dem Feind.
In all diesen Dingen habe er seinen Engel wirken gesehen, schloss der alte Mann seine Erinnerungen.
Ich war beeindruckt.
Er war ja wahrhaftig kein romantischer oder gar sentimentaler Typ, sondern eher ein Verstandesmensch, der seine Welt und alles, was darin vor sich ging, in der Regel sachlich analysierte.
Umso mehr bewegte mich sein Bekenntnis zu seinem Engel. Hier hatte einer eine Grunderfahrung mit seinem Leben gemacht, etwas, das ihm – buchstäblich – den Boden bereitete, auf dem er in Zukunft seinen Lebensweg gehen würde. Nämlich nie mehr ohne seinen Engel …
Glaubst du an Engel?
Vielleicht kennst du diese wunderbare Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter. Nachdem Jakob sich mit List und Tücke den Segen des Erstgeborenen erschwindelt hatte, dabei seinen Bruder übers Ohr gehauen und seinen Vater mit einem üblen Trick betrogen hatte, musste er vor dem berechtigten Zorn seines Bruders fliehen. Im fremden Land, an stillem Ort, allein unter dem weiten Himmel schlafend, träumt Jakob. Er träumt von einer Leiter, die vom Himmel herab bis zur Erde reicht. Und Engel, die Boten Gottes, steigen dort geschäftig herab, verschwinden im Dunkel der Nacht, mischen sich unerkannt unter die Leute; geschäftig kehren sie auch wieder, schleppen nun ein Stück Welt mit sich in ihrem Gepäck: Worte, Gedanken, Berührungen, Sorgen und Freude – und sie nehmen all das mit bei ihrem Aufstieg wieder zum Himmel, bringen es vor Gott.
So träumt Jakob von Engeln – und er darf sich von nun an auch von einem Engel Gottes begleitet wissen. Mit allem, was ihn beschäftigt, was ihn sorgt und was ihn freut.
Allein muß er nun nicht mehr gehen. Keinen seiner aufregenden, furchteinflößenden, fröhlichen und erfüllten Wege muss Jakob mehr allein gehen.

Als jener alte Mann starb und wir uns anschickten, ihn zu beerdigen, da habe ich noch einmal an ihn und seinen Engel gedacht:
wie oft der ihm wohl in seinem Leben zur Seite gestanden hat, durch Glauben und Hoffnung, in seinen Gedanken und Gebeten und auch durch Menschen, die ihm nahe wurden; und als wir ein letztes Mal zusammen sprachen und zusammen beteten kurz vor seinem Tod:
ob er da vielleicht seinen Engel hat spüren dürfen, und ob er sich schließlich von ihm an die Hand genommen sah, sanft hinüber auf dem Weg in das neue Land jenseits dieses Lebens …

In einem Psalm lese ich:
„ER – GOTT – hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ Psalm 91,11