Beten – Loslassen

Jemand schenkte mir ein Buch über das Beten.

Auf dem Cover des Buches war – aus der Vogelperspektive – ein Betender zu erkennen. Seine Hände lagen geöffnet mit den Handrücken auf seinen Knien. Ich habe das genauso probiert.

Nach einer Minute tat mein Handgelenk weh. Nach drei Minuten beendete ich diese Haltung. Meine Hände formten sich automatisch zu einer Faust.

Ich sah: jemanden, der seine Dinge im Griff haben will. Doch: was ist das für ein Beten, wo ich selber meine Dinge im Griff halten will? –

Wir haben gerne das, was wir unser Leben nennen, im Griff. Den Tag und die Nacht. Unsere Entscheidungen. Unsere Pläne sollen aufgehen. Die Weichen, die wir – vielleicht unter vielen Mühen! – gestellt haben, sollen unsere Wege garantieren.

Intuitiv möchten wir auch das unter Kontrolle haben, was außerhalb unserer Möglichkeiten liegt: Vom Wetter über die Gesundheit bis hin zu den Entscheidungen anderer, vor allem, wenn diese uns persönlich betreffen.

Wenn es nicht so kommt wie gewollt, wenn wir entdecken müssen, wie hilflos wir sind, sind wir getroffen: Im harmlosesten Fall schütteln wir den Kopf, eventuell ärgern wir uns auch. Aber wenn es uns ganz schlimm getroffen hat, sind die Schmerzen schier unerträglich. ‚Warum hat sie mir so weh getan?‘ ‚Wie konnte er mir das antun?‘

Wenn es aus dem Hinterhalt kommt, wenn wir nicht vorbereitet sind, wenn das Leben, wie wir es kannten und wünschten, explodiert, implodiert, zerfällt, wenn es stirbt wie in einer Hinrichtung…

Kann es auferstehen?

Wenn – dann nicht so wie es war. Aber eben das ist uns fremd, eben das macht uns Angst, eben das können wir uns nicht vorstellen, wollen es darum vielleicht um keinen Preis. Wir halten dann sogar unseren Schmerz fest, weil er vielleicht das Einzige ist, das uns mit unserem alten vertrauten Leben verbindet. Das Warten und das Hoffen auf das Neue, das Zweifeln und das Bangen und der alte Schmerz, sie sind manchmal so schwer zu tragen.

Irgendwann begann ich, in mir aufzunehmen, dass dies mit den geöffneten Händen gemeint ist. Wenn ich bete, greife ich nicht zu, ich halte nicht fest, ich beginne loszulassen, ich lasse mich fallen: „Ich aber, HERR, hoffe auf dich!“ (Psalm 31,15) Auferstehung zu einem neuen und anderen Leben.

Ich weiß nicht, wie lange es bei dir dauert, es mag länger dauern wie bei mir, aber die Hoffnung lässt sich irgendwann nicht mehr vertreiben.

So bin ich aus tiefdunklen Zeiten „auferstanden“ zu einem anderen Leben. Klarer, beherzter und etwas weniger verwundbar.

„Ich aber, HERR, hoffe auf dich, du bist mein Gott!“

P.S.: Ich habe gerade in einem kleinen Laden in Limveg (Dänemark) ein Schild gesehen mit einer Aussage, die den Schmerz nicht ignorieren will, aber auf eine Perspektive hinweist, die der Schmerz allein nicht sehen kann:

celebrate-grow.jpg

 

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2 Gedanken zu „Beten – Loslassen

  1. Lieber Lars, „Wenn ich bete, greife ich nicht zu, ich halte nicht fest, ich beginne loszulassen, ich lasse mich fallen“. Was die Aussage Deines Blogs angeht, stimme ich Dir voll und ganz zu.

    Nur Dein Startbeispiel hinkt m.E. Ich bete gerne mit offenen Händen (wenn auch nicht aufs Knie gestützt), und das kann, durchaus krampflos, deutlich länger als eine Minute dauern. Das ist, meine ich, eine Demutshaltung. Eine bittende, empfangsbereite Haltung. Viele Leute nehmen die Hostien so an beim Abendmahl.

    Bis die Tage!

    Otto

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