Kinder-Kirche

Predigt am 27.8.2017

„Ich habe nichts gegen den lieben Gott“, stellte mein Gegenüber fest. „Aber sein Bodenpersonal, die Kirche, lässt doch sehr zu wünschen übrig!“

Die Kirche – wen genau meinte er damit? Seinen Worten entnahm ich, es seien wohl in erster Linie wir Talarträger, aber nicht alle. Dazu irgendwie auch die Kirchliche Verwaltung und die Kirchenjuristen, und von dem Ärgernis der Kirchensteuer drang etwas an mein Ohr, obwohl, natürlich, die Kirche auch Geld brauche, na und schließlich auch „irgendwie“ die Gottesdienste. „Irgendwie“ Kirche.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“. Beneidenswerte Kinder. Sie wissen also, was Kirche ist. Behauptet Luther. Im Unterschied zu meinem Gesprächspartner, bei dem alles – reichlich nebulös – nur „irgendwie“ mit Kirche zu tun hatte.

Ich gestehe, nun war ich neugierig geworden, wie das mit den Kindern und ihrem Wissen über Kirche ist. Und als Mats und Jan Ole wegen irgendwas anderem an meiner Haustür schellten, bat ich sie von der Straße direkt in mein Dienstzimmer und befragte sie.Die hatten ziemlich klare Vorstellungen davon, was Kirche ist. Weil sie aber schon elf waren, vermittelten sie mir ein Gespräch mit Vicky, Theresa und Ida, die sind sieben! (Und Max musste erstmal zuhören, weil er schon acht ist!)  :))

Was wissen denn Siebenjährige von der Kirche? Hört selbst, was die drei Mädels sagten:

  • „Die Kirche ist Gottes Haus.
  • Da sind viele Bänke drin für viele Leute, die feiern da Gottesdienst. Gottesdienst ist für alle Leute, für die jungen und für die alten. Gottesdienst macht Spaß.
  • Bei der Kirche waren wir schon im Kinderbibelfrühstück.
  • Das Krippenspiel zu Weihnachten gehört auch dazu.
  • Eigentlich gibt es viele Veranstaltungen in der Kirche, die Spaß machen!
  • Da kann man was lernen und viele tolle Sachen erleben.“

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Luther und fügt hinzu: „nämlich die heiligen Gläubigen und ‚die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören‘ (Johannes 10,3)“. Und da haben wir schon die Mitte von allem,die das Ganze, was wir Kirche nennen, zusammenhält: Die Stimme des Hirten. Jesus Christus. Und dass wir sie hören. Und hören heißt nicht hören, wie wir irgendein Geräusch aus dem Bad oder von der Straße hören, sondern hören heißt: aufmerksam zuhören und der Stimme folgen, was sie uns sagt und wohin sie uns führt.

Das nämlich haben diese von uns Menschen oft veralberten Herdentiere uns voraus:
Sie wissen, auf welche Stimme sie hören müssen, um auf der sicheren Seite zu sein. Sie wissen: wohin der Hirte sie führt, ist gute Weide, da ist das Leben ein erfülltes Leben.

Ich habe den Kindern dann ein Bild gezeigt. Eines von diesen – in meinen Augen – kitschigen Bildern aus dem 19. Jahrhundert, wie sie früher im Schlafzimmer über den Betten meiner Großeltern hingen: Ein Hirte mit einem Schäfchen auf dem Arm und weiteren Schafen um sich herum. Die Kinder fanden das Bild überhaupt nicht kitschig, sondern bestätigten, dass Jesus so sei: Liebevoll und ein Helfer für jeden von uns, für die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen, und dass ohne Jesus die Kirche nicht Kirche sei. Und dass es gut sei, zu Jesus zu gehören.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Martin Luther. Die Erwachsenen damals, als Luther diese Worte schrieb, waren sich schon lange nicht mehr einig darüber, was denn die Kirche sei. Bereits im nächsten Satz wettert der erboste Reformator gegen die platten Chorhemden, die langen Röcke und allerlei Zeremonien, die über die Bibel hinaus erdichtet seien.

Im Unterricht frage ich meine Konfis, auf was die Kirche verzichten kann und auf was die Kirche nicht verzichten darf, wenn sie weiterhin Kirche sein will. Und dann beginnt durch die Konfis das große Aufräumen: Kirchengebäude? – brauchen wir nicht, man kann auch anderswo Gottesdienst feiern. In einem Haus, in einer Scheune. Orgelspieler? – kann weg, singen geht auch ohne Instrument. Gemeindehaus? – schön, wenn man eins hat, aber nicht notwendig, um Kirche zu sein. Konfirmation? – schade um die Feier und das Geld, aber notwendig, nein notwendig für Kirche sei die Konfirmation nicht. Selbst den Pastor warfen sie nach – erschreckend! – kurzer Diskussion raus: wichtiger sei die Bibel, und in der könnte ja jeder lesen.

Und was bleibt übrig? Was macht das Leben in Kirche aus? Die Konfis sagen: Zusammen kommen, Gemeinde sein, die Bibel, in der Bibel von Gott lesen und hören, beten, taufen. Vor allem aber der Glaube an Jesus. Wenn eines davon aufgegeben wird, ist die Kirche nicht mehr Kirche. So lautet das abschließende Statement meiner Konfis.

Wer oder was ist die Kirche? Wir neigen dazu, Grenzen zu ziehen, auch in der Kirche. Wer dazu gehört und wer nicht. Wer anders glaubt als wir, gehört er zur Kirche? Wer Homosexualität nicht für Sünde hält, sondern an die Liebe – egal in welcher Weise – glaubt, gehört der zur Kirche? Wer die Tradition wertschätzt und erhalten will, gehört der zur Kirche? Wer aus der Körperschaft öffentlichen Rechts „Kirche“ ausgetreten ist, gehört der noch zur Kirche? Wer anständig lebt, gehört der zur Kirche? Wessen Weste seit Jahren nicht mehr weiß ist, gehört der zu Kirche?  Und … und … und …

Wir erkennen jetzt vielleicht und hoffentlich, dass unsere Maßstäbe uns letztlich nicht sagen können, wer die Kirche ist. Nicht nur Martin Luther sprach von der Kirche als von einem „corpus permixtum“, ein durchgemischter Leib – und da könnten Leute zugehören, die wir da nie erwartet hätten. Und umgekehrt…

Die Siebenjährigen interessierte diese Frage gar nicht. Sie unterschieden nicht, wer dazu gehören könnte und wer nicht. Sie finden einfach toll, „dass man da zusammen ist mit ganz vielen Leuten“ und „dass da ganz viele Leute sind, die zusammenhalten und zusammen arbeiten“. Die Kinder gehen einfach davon aus, dass Kirche da ist. Und Jesus mittendrin. Genau so, wie Martin Luther dann hinzufügt:
„Also beten die Kinder: ‚Ich glaube an eine heilige christliche Kirche'“.

Ich kannte einen engagierten christlichen Sozialarbeiter, ein klasse Typ. Aber wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprachen und an die Stelle kamen, wo wir sagen: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche“, da verstummte er regelmäßig. „Das kann ich nicht mitsprechen“, sagte er. „Ich habe so viel Scheiß in der Kirche erlebt, für mich ist die nicht heilig!“

Sind wir eine heilige Kirche?
Wenn es von uns abhinge, mit Sicherheit nicht!
Wir machen die Kirche nicht heilig! Aber wer denn dann?

Kurz zuvor bekennen wir ja im Glaubensbekenntnis „Ich glaube an den Heiligen Geist“. Der macht die Kirche heilig. Und heilig – das ist nicht dasselbe wie ‚wohlanständig‘, fehlerlos und ohne Schuld.

„Heilig“ heißt alles, was zu Gott gehört, was sein ist. Wir werden wohl nie begreifen, was Gott an uns Menschen findet, aber für ihn sind wir seine Kinder. Geschwister seines Sohnes. Und der Heilige Geist wirkt immer und immer weiter daran, dass wir uns bewusst werden, dass wir wirklich Gottes Kinder, dass wir durch Gott heilig sind. Der Heilige Geist zieht uns und schiebt uns. Zärtlich und mächtig. Er liebt und lockt uns hinein in dieses wunderbare Geheimnis, dass wir heilige christliche Kirche sind: weltweit, ohne unsere Grenzen, egal welcher Bezirk, egal, welches Land, egal, welche Kultur, egal, welche Konfession, egal, welche Frömmigkeit.

Suchen sollen wir sie, die heilige christliche Kirche – weil sie schon da ist. Finden können wir sie, weil sie uns umgibt. Erfahren werden wir sie, wo wir durch die Kraft des Heiligen Geistes immer tiefer in sie hineinwachsen, weil wir dem Heiligen Geist vertrauen und aus Gottes inniger Liebe zu uns durch Christus leben und lieben.

„Darf ich dazu noch ein Lied vorsingen, dass ich aus dem Religionsunterricht kenne“, fragt am Ende meines Besuches Max, der es kaum noch aushält, still zu sein.

Und weil dieses Danklied  das ausdrückt, was uns auch Kirche sein lässt und als Christengemeinde erhält und uns verbindet, sage ich es Euch am Ende meiner Predigt:

„Gott dafür will ich dir Danke sagen, dass du in guten, in schlechten Tagen neben mir stehst und mit mir gehst, dich selbst mir gibst, weil du mich liebst, ohne zu fragen, mit meinem Lied will ich danke sagen.“

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