Vielleicht ist alles ganz anders …

Schon mal gestritten? So richtig hart und herzhaft?

Ganz bestimmt. Gestritten haben wahrscheinlich alle von uns schon mal – auf die eine oder andere Weise – und ganz bestimmt auch andere mit uns. Und oft wird das ganz schön giftig und verursacht schwere Verletzungen, die manchmal noch lange wehtun, sehr lange…

Das Gegenstück oder die Auflösung wäre dann wohl der Frieden. Klingt richtig gut, dieses Wort: Frieden. Ich meine allerdings nicht den Frieden, der mit  lauwarmer Freude und dem berühmten Eierkuchen einhergehen soll: Friede, Freude, Eierkuchen. Wo das höchst löchrige Mäntelchen der Liebe über einen Streit gelegt wird, und da drunter brodelt es dann doch mächtig weiter. So kriegt man jedenfalls keinen Frieden.

Streiten ist nicht von vornherein schlecht. Warum aber gelingt das Streiten so selten? Ich bin sicher, wir wissen es, erinnere uns aber trotzdem daran.

  1. Wir nehmen eine andere Meinung als unsere oft persönlich, also wie eine Beleidigung oder wie einen tätlichen Angriff auf uns
  2. Wir wollen um jeden Preis Recht bekommen, denn wenn nicht, ist das wie ein verlorenes Spiel, und wir konnten noch nie gut verlieren
  3. Wenn wir nicht Recht bekommen, haben wir also in unseren Augen verloren und sind dann nachtragend wie ein Elefant und warten auf die nächste Gelegenheit, uns zu „revanchieren“

Nicht wahr, so ist es doch? Und immer geht es dabei um die verdammte Macht! Sie zu erringen, sie zu behalten, sie zu verteidigen um jeden Preis. Ist es nicht so?
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich gehöre auch dazu. Ab und zu hat man auch als Pastor Streit mit dem einen oder anderen Gemeindeglied. Da denkt man zunächst gar nicht so liebevoll und seelsorglich, wie das eigentlich von einem Pastor erwartet werden kann. Sondern ist richtig sauer, schlimmstenfalls auch streitsüchtig.

Also, was tun?

Auf meinen Bildschirmschoner, der in Arbeitspausen über meinen Monitor läuft, habe ich geschrieben – als eine Mahnung an mich selbst für alle meine Begegnungen und Gespräche, denn auch ich neige dazu, Menschen in Schubladen zu stecken –  ich habe darauf den Satz geschrieben: “Vielleicht ist alles ganz anders…“

Wäre das nicht eine sinnvolle Überlegung bei einem Streit, wenn wir einmal – quasi – den Topf vom Herd nähmen, bevor er ganz und gar überkocht, einmal – Stopp! – alle Gefühle anhielten und uns fragten: Ist vielleicht alles ganz anders? Ist der da vor mir wirklich so, wie ich ihn sehe? Was für ein Mensch steckt in dem streitbaren Gegenüber, das mir regelmäßig wahnsinnig auf die Nerven geht? Was quält ihn vielleicht, was plagt ihn, wovor hat er Angst, dass ich ihn immer so streitsüchtig erlebe? Liegt’s vielleicht auch an mir??

“Vielleicht ist alles ganz anders…“  Daran zu denken, wäre eine Idee für den nächsten Streit…

Wie bin ich auf diesen Gedanken gekommen? Die Menschen, um die wir uns in der Diakonie kümmern, haben mich darauf gebracht. Nicht weil sie so streitsüchtig wären, nein. Aber wir alle wissen ja aus unserer Arbeit: da ist auch vieles ganz anders als es aussieht:
In einem gebrochenen Körper kann ein frischer Geist sein, in einem kranken Leib eine lebendige Seele, und ein Sterbender kann mich viel über das Leben lehren, ohne ein einziges Wort zu sagen. “Vielleicht ist alles ganz anders…“

Es würde zu Gott passen, wenn er uns diese Weisheit gerade auf dem Umweg über die Schwachen und Schwächsten sagen würde.

Und wir beim nächsten Zoff – mit wem auch immer – plötzlich einen unserer Patienten vor Augen hätten, dann den Streithahn anblickten und dächten: Halt – “Vielleicht ist alles ganz anders…“.

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