Vom Leben aus dem Tod

Predigt am Sonntag Lätare, 15. März 2015

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt,
bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“      Johannes 12,24
Ein dunkles und widerspenstiges Bibelwort.
Als Jesus das zu seinen Jüngern sagte, muss es wie eine kalte Dusche auf alle ihren heißen Wünsche und Pläne gewesen sein. Alles lief so gut, alles lief doch bestens: Besonders seit dem Einzug in Jerusalem hatte ihr Meister die Herzen vieler Menschen im Sturm erobert. Alle reden von ihm. Jetzt braucht Jesus nur noch die Rolle seines Lebens einzunehmen, die ihm alle Welt schon anträgt: der längst verheißene Messias.
Die alte Vision vom Gottesreich beginnt wahr zu werden. Hoffnungen sollen nun Wirklichkeit werden, Wünsche sollen sich erfüllen, Pläne werden aufgehen…
Nein! Das Weizenkorn muss sterben. Es wird nicht gut ausgehen mit Jesus, jedenfalls nicht nach den menschlichen Maßstäben.
Nichts da mit herrlicher, großartiger Zukunft, wie ihr euch sie gedacht habt und ausgemalt habt und ersehnt habt, meine lieben Freunde. Stattdessen Sterben und Tod. Genauso wie bei euch und uns und überall.
Das Weizenkorn muss sterben – um Frucht zu bringen.
Nun – auf dem Acker ist das selbstverständlich, das wissen selbst Stadtkinder. Aber auch bei Menschen? Bei Jesus? Bei uns? Wenn alle Hoffnung gestorben ist, alle unsere Pläne zunichte sind, wenn der Tod Einzug gehalten hat in das Leben, wenn es dunkel ist wie im Acker, in den dein Weizenkorn begraben wurde…
„Um Gottes Willen! – Frucht?“ Um Jesu willen? – Frucht…?

Ich will euch von dem „frühvollendeten“ Erdmann-Michael Hinz erzählen, von seinem frühen Tod und vom Weizenkorn, das starb und wie es Frucht brachte.
Michael, wie ihn seine Familie rief, wurde am 6. Juni 1933 in Kolberg an der Ostsee in eine Pfarrersfamilie hineingeboren. Eins von acht Kindern. Schon als Junge in seinen ersten Schuljahren begann er mit Ton zu modellieren. Auffällig war schon damals seine exakte Beobachtungsgabe und die Umsetzung, die das Wesentliche und das Charakteristische des Dargestellten zum Ausdruck brachte. Der Krieg und der Tod von zwei seiner Brüder war das Ende seiner sorglosen Kindheit. Im Herbst 1946 siedelt die Familie nach Halberstadt über. Zwischen den Trümmern nun aufzubauen, auch an der Gemeinde mitaufzubauen, daran wirkt der Junge tätig mit.
Wer sein fröhlich-ausgelassenes Temperament erlebte, ahnte nicht, was in der Stille in Wirklichkeit in ihm steckte, ihn bewegte und in ihm umging. Aber das, was er schuf, wenn er sich allein in seine Kammer auf dem Dachboden zurückzog und formte und gestaltete, ließ die Tiefe seines Fühlens und Nachdenkens ahnen.
Immer wieder und vor allem gestaltete er Motive zu biblischen Themen. Niemand beauftragte ihn, kein Lehrer leitete ihn an, es kam alles ganz aus dem Jungen selbst heraus, es brachte zum Ausdruck, was sich in seinem Innersten bewegte und was in ihm von höherer Macht bewegt wurde. Für den Vater war das, was Michael schuf, eine Antwort seines Sohnes auf die biblische Botschaft, auf das, was Michael von Gott gehört, von Jesus erfahren hatte. Man könnte es ein Zeugnis seines Glaubens nennen.
Er war 17, gerade hatte ihm seine Familie den Weg zur bildhauerischen Ausbildung freigegeben, da wurde er, als er mit dem Fahrrad auf dem Weg zu einem befreundeten Pastor war, von einem rücksichtslos fahrenden LKW auf der Straße getötet – herausgerissen aus allen frohen Plänen und Lebenshoffnungen.
Das Weizenkorn ist erstorben, Dunkelheit ringsum.
„Wie schwer das alles für Eltern und Geschwister zu fassen war, wird ermessen können, wem auch nur annähernd Ähnliches je widerfuhr“, schreibt der Vater. „Viele mit uns erschauerten vor dem dunklen Geheimnis, das um diesen frühen Tod lagert, vor dem Geheimnis des verborgenen Gottes. (…) Plötzlich war dieses junge Leben hinweggeweht! Auf solche Weise hinweggenommen! Dieses liebe junge Leben, dessen besondere Begabung so verheißungsvoll zur Entfaltung drängte! (…) Gott, wo warst du?, so haben wir gefragt in dieses Dunkel hinein.“ Und wie eine Antwort kam der Familie dieses seltsam abgründige Bibelwort „Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?“ (Amos 3,6)
So war doch alles nicht nur ein blinder Zufall, ein sinnloses Schicksal? Gott selber war es, der alles so zusammentreffen ließ?
Diese aufdämmernde Erkenntnis, so beschreibt es der Vater, sei „wie ein erster Lichtschimmer über dem Dunkel“ gewesen. Was passiert war, war unbegreiflich, und Gott war ihnen ebenso unbegreiflich in diesem furchtbaren Ereignis. Aber auch dieses war mit Gott. Ihrem Gott. Unserem Gott. In diesem Furchtbaren.
Ich möchte Euch die Worte des Vaters, die er in besonderer Weise an die gerichtet sehen will, die ähnliches Leid zu tragen haben, vorlesen: „Ihr werdet es erlebt haben, wie die Erfahrung der Unbegreiflichkeit Gottes einen wohl auch dahin bringen kann, dass man anheben möchte, mit ihm zu rechten und zu hadern. Wo uns die Unfasslichkeit Gottes in unserem eigenen Leben begegnet und wir sie auf so dunkle Weise selber unmittelbar zu spüren bekommen, da stehen wir betroffen davor und sind davon bis in die Tiefen erschüttert. Aber müssten wir damit nicht schon viel früher einsetzen? Müsste uns das nicht alles schon am Kreuz Christi aufgegangen sein? Da ist das dunkle Geheimnis des verborgenen Gottes doch am allergrößten! Schicksalsschwerer als dein Erdenweg oder der deiner Toten ist der des Heilandes gewesen. Dunkler als dein oder ihr Geschick war des ewigen Vaters Wille mit seinem lieben Sohn. Ihn selber hat er ja hingegeben in das grauenhafteste Sterben. Unfasslich ist das Dunkel, das über Golgatha lastet. Die rohe, brutale Gewalt, die Bosheit und Tücke der Menschen und alle Mächte der Finsternis sind entfesselt, und Gott bleibt stumm. Das Sterben Jesu ist der frühe Abbruch eines Lebens, von dem wir meinen würden, dass es doch noch unendlich viel hätte wirken können und gar zu früh zu Ende ging. Aber was für eine Quelle des Segens ist dieses Sterben geworden! So ist Gottes Walten. Er war in diesem Sterben am Werke. Er ließ den Ostermorgen folgen. Er hat den am Kreuz Gestorbenen … durch den Tod zum Leben geführt. Auf eine höhere Weise wirkt das Leben des auf Erden so früh Hinweggenommenen durch die Zeiten weiter. … Wie sind doch Gottes Gedanken anders als unsere Gedanken! Wir kommen, wo wir zu grübeln anfangen, mit unseren Gedanken immer wieder sehr bald an eine Grenze. Wir bewegen   en uns mit unserem Grübeln in einem Kreise, über den wir nicht hinaus gelangen. Aber gerade da, wo wir mit unseren Gedanken nicht weiterkommen und wo sie uns ausgehen wollen, lässt das Kreuz Jesu Christi uns dessen innewerden, dass Gott seine Gedanken hat und behält und dass sie nicht bloß anders, sondern himmelhoch höher als unsere Gedanken sind. Das Kreuz Christi darf uns Unterpfand dafür sein, dass auch hinter den furchtbarsten Masken dunkelster Geschehnisse das Angesicht des Vaters Jesu Christi auf uns wartet …
Für die Eltern war das Weizenkorn ihrer Elternschaft, ihres Hoffens und Wünschens für und mit Michael mit seinem Tod gestorben. Aber dort unten, in tiefster Dunkelheit, hatte zart ein Keim zu wachsen begonnen. Der Keim eines Glaubens, den es vorher so nicht geben konnte. Dass nämlich in allem, was Michael mit seinem Leben geschaffen hatte, Gott selbst zu ihnen sprach und sich darin zeigte. So schreibt der Vater zum Schluss:
„Indem noch kein Mensch dieses Schaffen des Jungen beeinflusst hatte, ist, was er schuf, Gnade und Geschenk des Ewigen geblieben.“
Früh war Michael aus diesem Leben genommen worden. Dieses Leben, von dem wir hätten meinen können, dass es doch noch unendlich viel hätte wirken können. Und doch scheint, was das Ziel seines Lebens gewesen sein mochte, dennoch erfüllt, schon vollendet. Als Frucht dieses Glaubens, der aus dem Abgrund des Todes und der Trauer gewachsen war, nennt der Vater am Ende seinen Sohn den „Frühvollendeten“.

Ich bin davon überzeugt, dass das Sterben geliebter Menschen nicht nur ein Verlust ist. So sehr es Schmerz ist – es ist auch eine Gabe. Vor seinem Tod sagte Jesus: „Es ist gut, dass ich von euch gehe, denn wenn ich nicht von euch gehe, kann ich euch nicht meinen Geist senden.“ (nach Johannes 16,7)
Das Sterben von Menschen, die wir lieben und die uns lieben, eröffnet uns die Möglichkeit einer neuen Intimität mit dem Gestorbenen. Nicht das, was am geliebten Menschen vergänglich war, nicht das, was an ihm begrenzt war, bleibt, sondern das, was für uns Bedeutung hat und Wert. Und Liebe war. Das bleibt.
Erst als Jesus seine Jünger verlassen hatte, waren sie imstande zu begreifen, wovon er gesprochen hatte und was er ihnen wirklich bedeutete. Trifft das im Grunde genommen nicht auf alle zu, die in Liebe sterben?
Wenn ich an meine Oma Miele denke, die vor mehr als 30 Jahren gestorben ist, dann ist da nicht die gebrechliche alte Frau, sondern es ist ihre Liebe und Güte, ihr unbeirrtes Gottvertrauen, ihre Klarheit im christlichen Leben und ihre unbedingte Liebe zum Nächsten, die mich bereichern.
Henri Nouwen schreibt: „Einer der größten Glaubensakte besteht darin, daran zu glauben, dass die wenigen Jahre, die wir auf dieser Erde verbringen, wie ein kleines Samenkorn sind, das in einen äußerst fruchtbaren Boden gesenkt wird.
Damit dieses Samenkorn reiche Frucht tragen kann, muss es sterben. (Muss es sich hergeben) Wir sehen allzuoft nur das Sterben (den Verlust), aber die Ernte wird überwältigend sein, selbst wenn wir selber nicht die Erntenden sind. Wie anders wäre unser Leben, wenn wir tatsächlich fähig wären, darauf zu vertrauen, dass es sich vermehrt, indem es hergegeben wird?!“
Ist nicht Jesus selbst das liebevollste Beispiel dafür?! Wie er sein Leben hergab und starb? Reiche Frucht für dich und mich, für alle Welt!

Bettler

Das Bild „Der betende Bettler“ist von Erdmann-Michael Hinz im Alter von 16 Jahren in der Stille seiner Dachkammer geschaffen worden. Nun wirkt es wie sein Vermächtnis. Als Gottes Predigt, durch die der Höchste zu uns spricht.
Dieser betende Bettler hat seine Hände erhoben und hält sie wie eine offene Schale hin, bereit, sie sich füllen zu lassen. Dabei steht der ganze Körper unter Spannung. Die Bewegung wirkt so, als sei er gerade dabei, etwas – das wir nicht sehen können – von oben herabzuziehen. Die ganze Bewegung der Linien und Formen, die durch diese Gestalt schwingt, strömt ein in das gläubig und erwartungsvoll emporgewandte Gesicht und mündet aus in die empfangsbereit hingehaltenen offenen Hände.
Dieser Bettler ist der Mensch, der selber nichts zu bringen hat und der letztlich nichts kann als leere Hände bittend auszustrecken. Der das aber tut mit ganzem Vertrauen, mit dem unbeirrbaren Ungestüm des Glaubens, mit dem er zugleich selber die Gnade vom Himmel herabzieht.
Die Hände sind besonders groß geformt, damit deutlich wird: Sie sind das Wesentliche. Die leeren Hände des Bettlers beschreiben, wer wir vor Gott sind. Wenn uns das aufgegangen ist und wir dann nichts mehr sein wollen als nur das, was jene Hände sind: eine geöffnete Schale, die wir Gott entgegenstrecken für die Gnade und die Kraft aus seiner ewigen Welt, dann werden wir erfahren dürfen, was ein altes Lied einmal in die Worte gefasst hat:
Liebt doch Gott die leeren Hände
und der Mangel wird Gewinn.
immerdar enthüllt das Ende
sich als strahlender Beginn. (W. Bergengruen)

(Texte und Bild aus dem Buch „Bettler und Lobsänger“ von Paulus Hinz)

Ein Gedanke zu „Vom Leben aus dem Tod

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