Beten – Loslassen

Jemand schenkte mir ein Buch über das Beten.

Auf dem Cover des Buches war – aus der Vogelperspektive – ein Betender zu erkennen. Seine Hände lagen geöffnet mit den Handrücken auf seinen Knien. Ich habe das genauso probiert.

Nach einer Minute tat mein Handgelenk weh. Nach drei Minuten beendete ich diese Haltung. Meine Hände formten sich automatisch zu einer Faust.

Ich sah: jemanden, der seine Dinge im Griff haben will. Doch: was ist das für ein Beten, wo ich selber meine Dinge im Griff halten will? –

Wir haben gerne das, was wir unser Leben nennen, im Griff. Den Tag und die Nacht. Unsere Entscheidungen. Unsere Pläne sollen aufgehen. Die Weichen, die wir – vielleicht unter vielen Mühen! – gestellt haben, sollen unsere Wege garantieren.

Intuitiv möchten wir auch das unter Kontrolle haben, was außerhalb unserer Möglichkeiten liegt: Vom Wetter über die Gesundheit bis hin zu den Entscheidungen anderer, vor allem, wenn diese uns persönlich betreffen.

Wenn es nicht so kommt wie gewollt, wenn wir entdecken müssen, wie hilflos wir sind, sind wir getroffen: Im harmlosesten Fall schütteln wir den Kopf, eventuell ärgern wir uns auch. Aber wenn es uns ganz schlimm getroffen hat, sind die Schmerzen schier unerträglich. ‚Warum hat sie mir so weh getan?‘ ‚Wie konnte er mir das antun?‘

Wenn es aus dem Hinterhalt kommt, wenn wir nicht vorbereitet sind, wenn das Leben, wie wir es kannten und wünschten, explodiert, implodiert, zerfällt, wenn es stirbt wie in einer Hinrichtung…

Kann es auferstehen?

Wenn – dann nicht so wie es war. Aber eben das ist uns fremd, eben das macht uns Angst, eben das können wir uns nicht vorstellen, wollen es darum vielleicht um keinen Preis. Wir halten dann sogar unseren Schmerz fest, weil er vielleicht das Einzige ist, das uns mit unserem alten vertrauten Leben verbindet. Das Warten und das Hoffen auf das Neue, das Zweifeln und das Bangen und der alte Schmerz, sie sind manchmal so schwer zu tragen.

Irgendwann begann ich, in mir aufzunehmen, dass dies mit den geöffneten Händen gemeint ist. Wenn ich bete, greife ich nicht zu, ich halte nicht fest, ich beginne loszulassen, ich lasse mich fallen: „Ich aber, HERR, hoffe auf dich!“ (Psalm 31,15) Auferstehung zu einem neuen und anderen Leben.

Ich weiß nicht, wie lange es bei dir dauert, es mag länger dauern wie bei mir, aber die Hoffnung lässt sich irgendwann nicht mehr vertreiben.

So bin ich aus tiefdunklen Zeiten „auferstanden“ zu einem anderen Leben. Klarer, beherzter und etwas weniger verwundbar.

„Ich aber, HERR, hoffe auf dich, du bist mein Gott!“

P.S.: Ich habe gerade in einem kleinen Laden in Limveg (Dänemark) ein Schild gesehen mit einer Aussage, die den Schmerz nicht ignorieren will, aber auf eine Perspektive hinweist, die der Schmerz allein nicht sehen kann:

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Kinder-Kirche

Predigt am 27.8.2017

„Ich habe nichts gegen den lieben Gott“, stellte mein Gegenüber fest. „Aber sein Bodenpersonal, die Kirche, lässt doch sehr zu wünschen übrig!“

Die Kirche – wen genau meinte er damit? Seinen Worten entnahm ich, es seien wohl in erster Linie wir Talarträger, aber nicht alle. Dazu irgendwie auch die Kirchliche Verwaltung und die Kirchenjuristen, und von dem Ärgernis der Kirchensteuer drang etwas an mein Ohr, obwohl, natürlich, die Kirche auch Geld brauche, na und schließlich auch „irgendwie“ die Gottesdienste. „Irgendwie“ Kirche.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“. Beneidenswerte Kinder. Sie wissen also, was Kirche ist. Behauptet Luther. Im Unterschied zu meinem Gesprächspartner, bei dem alles – reichlich nebulös – nur „irgendwie“ mit Kirche zu tun hatte.

Ich gestehe, nun war ich neugierig geworden, wie das mit den Kindern und ihrem Wissen über Kirche ist. Und als Mats und Jan Ole wegen irgendwas anderem an meiner Haustür schellten, bat ich sie von der Straße direkt in mein Dienstzimmer und befragte sie.Die hatten ziemlich klare Vorstellungen davon, was Kirche ist. Weil sie aber schon elf waren, vermittelten sie mir ein Gespräch mit Vicky, Theresa und Ida, die sind sieben! (Und Max musste erstmal zuhören, weil er schon acht ist!)  :))

Was wissen denn Siebenjährige von der Kirche? Hört selbst, was die drei Mädels sagten:

  • „Die Kirche ist Gottes Haus.
  • Da sind viele Bänke drin für viele Leute, die feiern da Gottesdienst. Gottesdienst ist für alle Leute, für die jungen und für die alten. Gottesdienst macht Spaß.
  • Bei der Kirche waren wir schon im Kinderbibelfrühstück.
  • Das Krippenspiel zu Weihnachten gehört auch dazu.
  • Eigentlich gibt es viele Veranstaltungen in der Kirche, die Spaß machen!
  • Da kann man was lernen und viele tolle Sachen erleben.“

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Luther und fügt hinzu: „nämlich die heiligen Gläubigen und ‚die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören‘ (Johannes 10,3)“. Und da haben wir schon die Mitte von allem,die das Ganze, was wir Kirche nennen, zusammenhält: Die Stimme des Hirten. Jesus Christus. Und dass wir sie hören. Und hören heißt nicht hören, wie wir irgendein Geräusch aus dem Bad oder von der Straße hören, sondern hören heißt: aufmerksam zuhören und der Stimme folgen, was sie uns sagt und wohin sie uns führt.

Das nämlich haben diese von uns Menschen oft veralberten Herdentiere uns voraus:
Sie wissen, auf welche Stimme sie hören müssen, um auf der sicheren Seite zu sein. Sie wissen: wohin der Hirte sie führt, ist gute Weide, da ist das Leben ein erfülltes Leben.

Ich habe den Kindern dann ein Bild gezeigt. Eines von diesen – in meinen Augen – kitschigen Bildern aus dem 19. Jahrhundert, wie sie früher im Schlafzimmer über den Betten meiner Großeltern hingen: Ein Hirte mit einem Schäfchen auf dem Arm und weiteren Schafen um sich herum. Die Kinder fanden das Bild überhaupt nicht kitschig, sondern bestätigten, dass Jesus so sei: Liebevoll und ein Helfer für jeden von uns, für die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen, und dass ohne Jesus die Kirche nicht Kirche sei. Und dass es gut sei, zu Jesus zu gehören.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Martin Luther. Die Erwachsenen damals, als Luther diese Worte schrieb, waren sich schon lange nicht mehr einig darüber, was denn die Kirche sei. Bereits im nächsten Satz wettert der erboste Reformator gegen die platten Chorhemden, die langen Röcke und allerlei Zeremonien, die über die Bibel hinaus erdichtet seien.

Im Unterricht frage ich meine Konfis, auf was die Kirche verzichten kann und auf was die Kirche nicht verzichten darf, wenn sie weiterhin Kirche sein will. Und dann beginnt durch die Konfis das große Aufräumen: Kirchengebäude? – brauchen wir nicht, man kann auch anderswo Gottesdienst feiern. In einem Haus, in einer Scheune. Orgelspieler? – kann weg, singen geht auch ohne Instrument. Gemeindehaus? – schön, wenn man eins hat, aber nicht notwendig, um Kirche zu sein. Konfirmation? – schade um die Feier und das Geld, aber notwendig, nein notwendig für Kirche sei die Konfirmation nicht. Selbst den Pastor warfen sie nach – erschreckend! – kurzer Diskussion raus: wichtiger sei die Bibel, und in der könnte ja jeder lesen.

Und was bleibt übrig? Was macht das Leben in Kirche aus? Die Konfis sagen: Zusammen kommen, Gemeinde sein, die Bibel, in der Bibel von Gott lesen und hören, beten, taufen. Vor allem aber der Glaube an Jesus. Wenn eines davon aufgegeben wird, ist die Kirche nicht mehr Kirche. So lautet das abschließende Statement meiner Konfis.

Wer oder was ist die Kirche? Wir neigen dazu, Grenzen zu ziehen, auch in der Kirche. Wer dazu gehört und wer nicht. Wer anders glaubt als wir, gehört er zur Kirche? Wer Homosexualität nicht für Sünde hält, sondern an die Liebe – egal in welcher Weise – glaubt, gehört der zur Kirche? Wer die Tradition wertschätzt und erhalten will, gehört der zur Kirche? Wer aus der Körperschaft öffentlichen Rechts „Kirche“ ausgetreten ist, gehört der noch zur Kirche? Wer anständig lebt, gehört der zur Kirche? Wessen Weste seit Jahren nicht mehr weiß ist, gehört der zu Kirche?  Und … und … und …

Wir erkennen jetzt vielleicht und hoffentlich, dass unsere Maßstäbe uns letztlich nicht sagen können, wer die Kirche ist. Nicht nur Martin Luther sprach von der Kirche als von einem „corpus permixtum“, ein durchgemischter Leib – und da könnten Leute zugehören, die wir da nie erwartet hätten. Und umgekehrt…

Die Siebenjährigen interessierte diese Frage gar nicht. Sie unterschieden nicht, wer dazu gehören könnte und wer nicht. Sie finden einfach toll, „dass man da zusammen ist mit ganz vielen Leuten“ und „dass da ganz viele Leute sind, die zusammenhalten und zusammen arbeiten“. Die Kinder gehen einfach davon aus, dass Kirche da ist. Und Jesus mittendrin. Genau so, wie Martin Luther dann hinzufügt:
„Also beten die Kinder: ‚Ich glaube an eine heilige christliche Kirche'“.

Ich kannte einen engagierten christlichen Sozialarbeiter, ein klasse Typ. Aber wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprachen und an die Stelle kamen, wo wir sagen: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche“, da verstummte er regelmäßig. „Das kann ich nicht mitsprechen“, sagte er. „Ich habe so viel Scheiß in der Kirche erlebt, für mich ist die nicht heilig!“

Sind wir eine heilige Kirche?
Wenn es von uns abhinge, mit Sicherheit nicht!
Wir machen die Kirche nicht heilig! Aber wer denn dann?

Kurz zuvor bekennen wir ja im Glaubensbekenntnis „Ich glaube an den Heiligen Geist“. Der macht die Kirche heilig. Und heilig – das ist nicht dasselbe wie ‚wohlanständig‘, fehlerlos und ohne Schuld.

„Heilig“ heißt alles, was zu Gott gehört, was sein ist. Wir werden wohl nie begreifen, was Gott an uns Menschen findet, aber für ihn sind wir seine Kinder. Geschwister seines Sohnes. Und der Heilige Geist wirkt immer und immer weiter daran, dass wir uns bewusst werden, dass wir wirklich Gottes Kinder, dass wir durch Gott heilig sind. Der Heilige Geist zieht uns und schiebt uns. Zärtlich und mächtig. Er liebt und lockt uns hinein in dieses wunderbare Geheimnis, dass wir heilige christliche Kirche sind: weltweit, ohne unsere Grenzen, egal welcher Bezirk, egal, welches Land, egal, welche Kultur, egal, welche Konfession, egal, welche Frömmigkeit.

Suchen sollen wir sie, die heilige christliche Kirche – weil sie schon da ist. Finden können wir sie, weil sie uns umgibt. Erfahren werden wir sie, wo wir durch die Kraft des Heiligen Geistes immer tiefer in sie hineinwachsen, weil wir dem Heiligen Geist vertrauen und aus Gottes inniger Liebe zu uns durch Christus leben und lieben.

„Darf ich dazu noch ein Lied vorsingen, dass ich aus dem Religionsunterricht kenne“, fragt am Ende meines Besuches Max, der es kaum noch aushält, still zu sein.

Und weil dieses Danklied  das ausdrückt, was uns auch Kirche sein lässt und als Christengemeinde erhält und uns verbindet, sage ich es Euch am Ende meiner Predigt:

„Gott dafür will ich dir Danke sagen, dass du in guten, in schlechten Tagen neben mir stehst und mit mir gehst, dich selbst mir gibst, weil du mich liebst, ohne zu fragen, mit meinem Lied will ich danke sagen.“

Freiheit

Predigt am 23. Juli 2017 im Gottesdienst auf dem Bauernhof Kleimann

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit – ich habe in meinem Urlaub reichlich davon spüren können:

Mit dem Motorrad geschmeidig über die Alpenstraßen unterwegs, am Timmelsjoch und der Silvretta bei offenem Visier den Duft der Alpengräser in der Nase, geschmeidig über den Jaufenpass und das Hahntennjoch schwingen, die hohen Berge direkt neben dir und den weiten Himmel über dir. „Freiheit hat 2 Räder“ hat jemand gesagt.

Spürt ihr nicht auch etwas von dieser Weite, dieser Freiheit, heute Morgen?
Wie wir alle hier versammelt sind – aus unseren drei Gemeindebezirken alle zusammengekommen, keine Grenzen, die uns trennen, gemeinsamer Gottesdienst für alle und mit allen, hier auf dem offenen Land, auf der Deele, wo die Schwalben ein und aus fliegen und uns so die Weite Gottes verkündigen, wo das Muh und das Mäh zusammen mit dem Posaunenklang und unseren Liedern Gott loben will.

Freiheit.

Manch einer hat jetzt Urlaub, frei von den Pflichten des Berufes, frei vom Rumgemäkel des Chefs, frei von Lehrern, von der Angst vor der nächsten Klausur, raus aus dem engen Korsett des Alltags, ich bin so frei!

Und vielleicht streift dich ja ein Gedanke an Gott und du entdeckst: Das ist ja sein Geschenk! Diese freie Zeit, dieser freie Tag. Ich darf ich sein, Frieden in mir und Lust aufs Leben, blicke auf, sehe den blauen Himmel und die Schäfchenwölkchen, rieche den Sommer und spüre den Wind auf meiner Haut.

Freiheit hautnah.

„Alles ist mir erlaubt!“ schreibt Paulus. Und er meint das auch so. Für jeden von uns Christenleuten. Wer zu Christus gehört, hört: „Ich habe dich erlöst, du gehörst zu mir!“ Also: Kein Staat hat ein Recht auf dein Leben! Kein Trend, keine Meinung (nicht die der Freundin und nicht die des Pastors) haben ein Recht darauf, dass du dich widerspruchslos anpasst! Keine Menschen, keine Konventionen, keine sogenannten ehernen Gesetzmäßigkeiten sollen wir als Herren über uns zulassen! „Alles ist mir erlaubt.“

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!“

Es war wie so oft. Auf einer meiner Motorradtouren machte ich eine Pause in einem kleinen Dorf. Ein Tässchen Kaffee, ein beschaulicher Blick auf das wunderschöne Bergpanorama. Plötzlich ein Höllenlärm! Acht, zehn, zwölf Motorräder, gefühlt jedes zweite ohne Schalldämpfer im Auspuffrohr, donnern vorbei. Und das dann immer wieder.

„Alles ist mir erlaubt“?? „Ich bin so frei“?? Ich glaube nicht, dass die Leute aus dem kleinen Bergdorf diese Art von Freiheit besonders gut finden…

So ist das. Mein Freiheitsdrang stößt mit dem Leben von anderen zusammen. Meine Freizügigkeit beschränkt das Leben anderer.

  • Shopping am Sonntag – und andere müssen für mich arbeiten. Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • „Freie Fahrt für freie Bürger“ – bis es kracht und sich dann alle scheinheilig fragen, wie das nur passieren konnte.          Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • Surfen im unbegrenzten Internet und Bilder gucken, die aus dem Leiden anderer geschaffen wurden. Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • Gehässige Machtspielchen: andere demütigen und schlechtmachen, damit ich selbst umso großartiger aussehe. Klar, die Freiheit nehm ich mir.

Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, was solche Freizügigkeit mit ihm selber macht? Wie es ihn gerade zu einem Sklaven deformiert, gefesselt an seine Wünsche, Triebe und an seine Boshaftigkeit?

Ich halte Jesus für den freiesten Menschen, der je auf Gottes Erde gewandert ist. Vollständig ungebunden an Menschen und Dinge. Aber total verbunden mit Gott. Er war so unglaublich frei, dass er sich an Menschen band, sich mit ihren Schicksalen verband.

Jesus war so frei – sich mit Leuten abzugeben, die sowas von out waren…

Jesus war so frei – Frauen ernst zu nehmen, auch wenn die Gerüchteküche deswegen bis heute brodelt.

Jesus war so frei – sich verhaften zu lassen, statt in die Freiheit zu fliehen

Jesus war so frei  – sich bespucken und demütigen zu lassen

Jesus war so frei – den Tod auf sich zu nehmen, obwohl er hätte leben können.

Die 9-jährige Stina hat mich gefragt, was für mich Freiheit ist. Ich habe lange überlegt – und Martin Luthers Doppelsatz hat mir dabei zur Seite gestanden. Dann habe ich ihr geantwortet:
„Freiheit ist, wenn ich keine Angst mehr habe – vor niemandem und vor nichts. Frei bin ich, wenn ich von dem, was ich habe, abgeben kann, ohne das Gefühl zu haben, dass ich dabei etwas verliere. Frei bin ich, wenn ich einen Menschen annehmen kann, auch wenn er garstig zu mir ist. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit ist, wenn ich keine Freiheit brauche, um frei zu sein.“ (Nelson Mandela empfand sich in den 27 Jahren, die er im Gefängnis verbringen musste, freier als seine Richter, die ihn dorthin geschafft hatten – ebenso Paulus im Gefängnis). Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit ist auch, dass ich zu Gott kommen kann. Freiwillig. Gott will mich berühren, mich einladen, zu entdecken, wie gut es mir bei ihm gehen wird. Aber er wird mich nie dazu zwingen, ihm zu vertrauen. Doch ist es schön z.B. an jedem Morgen, für eine Viertelstunde einmal niemand anderem zu gehören als ihm, in der Stille, im Beten, im Hören.

„Freiheit ist, wenn ich weiß, dass ich nichts tun und nichts zu besitzen brauche, um etwas wert zu sein. Wenn ich weiß, dass ich ohne all das wertvoll bin. Und ich weiß das, wenn ich geliebt werde. Wer geliebt wird und das weiß, der lebt in Freiheit“.

Liebe macht sowas von frei! Das haben die Menschen bei Jesus erlebt, diese Freiheit. Das haben Menschen von Jesus bekommen, diese Freiheit. Jesus ist Gottes Liebesbeweis. Er hat sich Freiheit nicht genommen, hat sie nicht jemandem gestohlen, wie wir Menschengeschwister das immer wieder tun. Nein, Jesus besaß sie einfach, in sich drin. Er hat denen die Freiheit gegeben, die sie nicht hatten: den Kranken und den Ausgestoßenen, den Betrügern und den Besserwissern, den Kleinganoven und denen, die auf dem Strich gehen. Am Kreuz  ist er „dienstbarer Knecht“ für uns alle geworden. Das ist die größte Freiheit.

Und auf seinem Weg mit uns nimmt er uns in diese Freiheit hinein wie ein Bergführer, der den Weg kennt. Ich brauche ihm nur zu folgen.

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Eine kleine Geschichte als Gleichnis zum Schluss:

Ich beobachtete die beiden Bergsteiger, die schon seit geraumer Zeit gewissenhaft und bedächtig ihre Ausrüstung überprüften. Jeder Griff saß, und ich hatte das Gefühl, dass dies für beide zwar Routine war, ihnen jedoch Freude bereitete. Sie prüften Karabiner, knoteten Seile, hängten Ausrüstungsgegenstände an ihre Gürtel und zurrten ihre Körpergurte fest – jeder für sich. Zu guter Letzt hängten sich beide ein langes, schweres Seil um, mit dem sie beide verbunden waren. „Entschuldigen Sie!“, fragte ich einen der beiden Bergsteiger: „Fühlen Sie sich frei?“ „Frei? – Wie meinen Sie das?“ „Ich meine : frei – sich ungehindert bewegen zu können. Frei – das Leben zu genießen. Frei – um schnell vorwärts zu kommen. Ich meine: Frei! Nicht gegenseitig verknotet, zusammengebunden, und eine schwere Last tragen zu müssen!“ Der eine Bergsteiger blickte den anderen an, und seine Antwort, so kam es mir vor, war die Antwort beider. „Wissen Sie“, sagte er, „ da wollen wir hinauf!“ Wir wollen einen besonderen Weg gehen, und wir möchten beide neue Horizonte sehen! Knoten, die fest sitzen, Karabiner, die halten und Gurte, die belastbar sind, haben wir uns sorgfältig gemeinsam ausgesucht. Genauso wie die Länge und das mögliche Gewicht des Seiles,mit dem wir beide in ebenem Gelände locker, aber wenn es darauf ankommt, sicher verbunden sind. Wenn Klippen zu überwinden sind, wenn Abgründe drohen, wenn wir in steiler Wand hängen. Das Seil erst lässt uns Wege gehen, die wir uns alleine nicht zutrauen würden, die wir alleine nie genießen könnten. Erst das Wissen um unsere sichere und feste Verbindung macht uns frei!“

 „Fürchte dich nicht, spricht Gott, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

Wenn Gott mir einen Traum begegnen lässt …

… dann wandere ich mit IHM einen Frühlingsweg entlang;

einen schmalen Pfad längs eines sprudelnden, springenden Baches,

die knospenden Baumwipfel über uns –

und hinter und im und durch den Gesang der Vögel

das Rauschen der Gräser,

das Atmen des Windes

meine ich leise die Klänge von Beethovens „Pastorale“ zu hören.

 

Nicht, dass ich IHN sähe …

doch SEINE Gegenwart erfüllt mich

in diesem Frühlingstraum.

Wie zwei gute Freunde, in Schweigen, Betrachtung und gutem Wort

sind wir auf unserem Frühlingsweg –

und kein Zweifel und keine quälende Frage

stört unser heiteres Zusammensein,

und mein Herz ist frei und erhebt sich

wie ein junger Vogel sich in die Lüfte schwingt.

 

So träume ich von DIR, Gott …

Ein Traum nur … ?

 

Quell meiner Hoffnung:

der da mit mir wanderte auf dem Frühlingsweg,

seist tatsächlich DU,

mein göttlicher Freund!

Himmel auf Erden

 

Der Himmel

ist nicht nur das Blau und die Wolken über uns.

Wie auch die Ewigkeit nicht erst nach dem Tod, sondern schon jetzt aufleuchtet.

 

Himmel und Ewigkeit –

der Raum, wo die Liebe durch Gott ihre Vollendung erfährt.

Himmel ist dort, wo sich das ereignet.

In dir,

in mir,

in euch,

in uns.

Himmel ist hier und da mitten in unserem Leben

 

Himmel hier auf der Erde…

Unter Krankheit und Streit – auf der Erde,

unter Abschied und Verzweiflung – auf der Erde,

unter Angst und Depression – auf der Erde,

ist dennoch Gottes Himmel.

Ist Gottes Raum und Wirken.

 

Denn manchmal berührt der Himmel die Erde.

Manchmal wird unser Leben von Gottes Ewigkeit berührt.

Wo dich ein Glaubenslied tröstet,

wo ein Bild dich öffnet für die Kostbarkeit des Lebens,

wo dich im Abschied unverhofft die Hoffnung emporhebt,

wo die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern dir Frieden gibt

in dein ängstliches rastloses Leben.

Wo wir für einen Moment empfangen dürfen,

was Jesus den Leuten damals gab.

Und wir diesen Moment stark sind in uns

und fröhlich

und mutig

und beglückt

und voller Liebe zum Nächsten.

 

Weil wir in diesem Moment Gott erkannt haben.

 

Da

ist auf der Erde

mitten unter uns

der Himmel.

 

Vielleicht ist alles ganz anders …

Schon mal gestritten? So richtig hart und herzhaft?

Ganz bestimmt. Gestritten haben wahrscheinlich alle von uns schon mal – auf die eine oder andere Weise – und ganz bestimmt auch andere mit uns. Und oft wird das ganz schön giftig und verursacht schwere Verletzungen, die manchmal noch lange wehtun, sehr lange…

Das Gegenstück oder die Auflösung wäre dann wohl der Frieden. Klingt richtig gut, dieses Wort: Frieden. Ich meine allerdings nicht den Frieden, der mit  lauwarmer Freude und dem berühmten Eierkuchen einhergehen soll: Friede, Freude, Eierkuchen. Wo das höchst löchrige Mäntelchen der Liebe über einen Streit gelegt wird, und da drunter brodelt es dann doch mächtig weiter. So kriegt man jedenfalls keinen Frieden.

Streiten ist nicht von vornherein schlecht. Warum aber gelingt das Streiten so selten? Ich bin sicher, wir wissen es, erinnere uns aber trotzdem daran.

  1. Wir nehmen eine andere Meinung als unsere oft persönlich, also wie eine Beleidigung oder wie einen tätlichen Angriff auf uns
  2. Wir wollen um jeden Preis Recht bekommen, denn wenn nicht, ist das wie ein verlorenes Spiel, und wir konnten noch nie gut verlieren
  3. Wenn wir nicht Recht bekommen, haben wir also in unseren Augen verloren und sind dann nachtragend wie ein Elefant und warten auf die nächste Gelegenheit, uns zu „revanchieren“

Nicht wahr, so ist es doch? Und immer geht es dabei um die verdammte Macht! Sie zu erringen, sie zu behalten, sie zu verteidigen um jeden Preis. Ist es nicht so?
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich gehöre auch dazu. Ab und zu hat man auch als Pastor Streit mit dem einen oder anderen Gemeindeglied. Da denkt man zunächst gar nicht so liebevoll und seelsorglich, wie das eigentlich von einem Pastor erwartet werden kann. Sondern ist richtig sauer, schlimmstenfalls auch streitsüchtig.

Also, was tun?

Auf meinen Bildschirmschoner, der in Arbeitspausen über meinen Monitor läuft, habe ich geschrieben – als eine Mahnung an mich selbst für alle meine Begegnungen und Gespräche, denn auch ich neige dazu, Menschen in Schubladen zu stecken –  ich habe darauf den Satz geschrieben: “Vielleicht ist alles ganz anders…“

Wäre das nicht eine sinnvolle Überlegung bei einem Streit, wenn wir einmal – quasi – den Topf vom Herd nähmen, bevor er ganz und gar überkocht, einmal – Stopp! – alle Gefühle anhielten und uns fragten: Ist vielleicht alles ganz anders? Ist der da vor mir wirklich so, wie ich ihn sehe? Was für ein Mensch steckt in dem streitbaren Gegenüber, das mir regelmäßig wahnsinnig auf die Nerven geht? Was quält ihn vielleicht, was plagt ihn, wovor hat er Angst, dass ich ihn immer so streitsüchtig erlebe? Liegt’s vielleicht auch an mir??

“Vielleicht ist alles ganz anders…“  Daran zu denken, wäre eine Idee für den nächsten Streit…

Wie bin ich auf diesen Gedanken gekommen? Die Menschen, um die wir uns in der Diakonie kümmern, haben mich darauf gebracht. Nicht weil sie so streitsüchtig wären, nein. Aber wir alle wissen ja aus unserer Arbeit: da ist auch vieles ganz anders als es aussieht:
In einem gebrochenen Körper kann ein frischer Geist sein, in einem kranken Leib eine lebendige Seele, und ein Sterbender kann mich viel über das Leben lehren, ohne ein einziges Wort zu sagen. “Vielleicht ist alles ganz anders…“

Es würde zu Gott passen, wenn er uns diese Weisheit gerade auf dem Umweg über die Schwachen und Schwächsten sagen würde.

Und wir beim nächsten Zoff – mit wem auch immer – plötzlich einen unserer Patienten vor Augen hätten, dann den Streithahn anblickten und dächten: Halt – “Vielleicht ist alles ganz anders…“.

Was willst du werden?

„Wir waren gerade konfirmiert“

erzählte die Presbyterin nach unserer Besprechung. „Auf unserem Nachhauseweg sprachen wir Mädchen über unsere Zukunftspläne – was wir einmal werden wollten. Ich sprach von meinem Wunsch, Journalistin zu werden, dabei vielleicht in der Welt herum zu kommen. Andere wollten gerne in ihrem Beruf Karriere machen. Wieder andere Mädchen wünschten sich, einem wohlhabenden Mann zu begegnen und so ein finanziell sorgenfreies Leben zu führen.

Da sagte eine von uns: ‚Ich möchte ein guter Mensch werden‘.

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Ich weiß noch, wie beschämt ich war, als ich sie das sagen hörte. Da waren wir gerade konfirmiert, also sozusagen als Christenmenschen vereidigt worden – und am Ende ging es uns doch nur wieder um uns selber. Und dieses Mädchen aus unserer Gruppe sagte ‚Ich möchte ein guter Mensch werden'“!

Ich weiß nicht, ob sich meine Presbyterin die Worte ihrer Mitkonfirmandin so zu Herzen genommen hat oder ob sie schon vorher so „gestrickt“ war – für mich ist sie jedenfalls ein von Grund auf herzensguter Mensch.  Und tut vielen Menschen gut.

‚Ich möchte ein guter Mensch werden‘ –  es gibt wahrhaftig schlechtere Lebensziele.

Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Mein alter Herr ist gegangen

Für meinen Vater, der am 24. Oktober gestorben ist

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich schneide Sträucher und hebe Maulwurfshügel aus,

räume auf in meinem Haus und meiner Seele.

Ich singe und lese und weine und plane.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich blättere in Alben und wecke mir Erinnerungen.

Höre das Echo seiner Stimme.

Sehe die vertrauten Gesten.

Fühle den Abdruck seines Lebens in meinem Leben.

Will trösten – auch mich – und forsche nach Trost.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

 

Ich werde an seinem Grab stehen.

Ich werde Blumen bringen und meinen Dank

und meine Fragen und meine Liebe.

 

Die Zeit steht still.

Mein alter Herr ist gegangen.

Holt euch den Pokal!

Predigt auf dem Jürmker Herbstmarkt am 18.9.2016

65132_original_r_by_kurt-brodbeck_pixelio-de Kurt Brodbeck / pixelio.de

Die Tribünen sind mal wieder voll von Menschen –der Pastor mit Vereins-Schal und Talar, die Gäste in leichter Sonntagskleidung, bereit für das große Spiel des Glaubens auf dem Rasen, der das Leben ist. Die Gesänge kennen die meisten, das Ritual von Aufstehen und Setzen, die Liturgie der wechselnden Zurufe, die Klagen und die hoffnungsschweren Bitten, dass es gut ausgehen möge mit unserem Spiel auf dem Rasen des Lebens. Wir sind wieder da um all das zu tun.

Aber das allein zählt nicht.„Die Wahrheit ist auf’m Platz“, sagt die alte Schalker Fußballweisheit. Und „auf’m Platz“, meine Lieben: das ist das Leben. Und die Frage, wie wir es anpacken, und die Frage, was wir da einsetzen an Vertrauen, an Hoffnung, an Mut, an Liebe. Da wird sich zeigen, was unser Glaube wert ist. Da ist die Wahrheit „auf’m Platz“.

Darum wundert mich nicht, dass der alte Apostel Paulus, dem das wohl keiner zugetraut hätte, plötzlich zum leidenschaftlichen Sport-Fan wird: Er redet vom Wettkampf, vom Lauf, vom Ziel, vom Siegerkranz, und dass du dich dafür auch richtig reinhängen musst, wenn du gewinnen willst!

Also gucken wir mal hin, was wir von Paulus lernen können. Und wie wir dieses Spiel gewinnen, von dem Paulus spricht.

Zunächst noch mal: Christsein ist auch wie ein Wettkampf.Wer von Euch treibt Sport? Hat früher Sport getrieben? Nicht wahr – Sport macht glücklich! Beim Sport spürst du deinen ganzen Körper vom Kopf bis zu den Füßen, kannst ausprobieren, wie weit du kommst und alles geben, was in dir steckt. Und hinterher – so was von zufrieden! – ab unter die Dusche!

Wettkampf – na klar, das ist auch „Kampf“. Das kann anstrengend werden, da triffst du auch auf Widerstand, da gibt es Gegner. Was meint Ihr: Wer ist der größte Gegner eines Sportlers? (…) ER SELBST! Wenn er seinen Hintern nicht hoch kriegt, um zu trainieren; wenn er sich fürchtet vor seinem Gegenspieler, wenn er nicht auf den Trainer hört, wenn er nicht auf seine Fitness achtet. Als Christ geht Dir das genau so: Dein größter Gegner bist Du selber! Keine Lust, was von Gott zu lesen – könnte ja sein, dass die Bibel deinen Lebensstil kritisiert, zu faul, um in unser Stadion zu gehen und gemeinsam mit anderen und mit Gott Gottesdienst zu feiern, immer wieder lieber auf dich selbst hören als auf das, was Du von Jesus gelernt hast, lieber nicht mit Gott reden, weil auch Beten Deine kostbare Zeit in Anspruch nimmt. Lieber nicht zeigen, dass Du doch Gott vertraust und an ihn glaubst, weil die anderen es ja nicht tun und dir das peinlich ist.

Liebe Mitspieler, das alles kenne ich persönlich und nur zu gut und ich kann Euch aus eigener Erfahrung sagen: Bei solchen Löchern in der Verteidigung, bei diesen Schwächen im Angriff verlierst du jedes Spiel!

Darum – Erstens: Wir haben einen Trainer – den besten, den es gibt: Gott! Der kennt uns bestens, weiß, was wir können und weiß, wo unsere Schwächen sind. Und wir haben einen Spielführer in der Mannschaft, einen besseren kriegst du nicht! Denn der kennt sich aus mit dem Wettkampf des Lebens, der hat selber gekämpft. Er hat wirklich alles gegeben – sogar sein Leben, damit wir nicht verlieren. Seitdem ist keiner mehr verloren, der sich an ihn hängt. Seitdem kann kein Spielstand in unserem Leben so aussichtslos sein, dass er uns nicht wieder da rausholen könnte. Er – und wir wisst, wen ich meine – Jesus, er weiß genau, wie unser Leben gewinnen kann. Seine Anweisungen für das gewonnene Leben finden wir im Taktischen Handbuch unseres Trainers – in der Bibel!

Zweitens: Christen spielen immer im Team. „Ein Christ ist kein Christ“ sagt ein Sprichwort. Und das stimmt. Lasst Euch nichts anderes erzählen –die Leute sagen zwar gerne: Ich kann auch für mich alleine glauben, dafür brauche ich die Kirche nicht, dafür brauche ich die Leute im Gottesdienst nicht,fehlt nur noch, dass sie sagen: dafür brauche ich Gott auch nicht! Hey – das stimmt nicht! Christen spielen immer im Team! Das ist wie beim Fußball: Was nützt der beste Stürmer, wenn hinten die Abwehr nicht dicht hält? (Arminias 4:4) Was nützt hinten der beste Torwart, wenn vorne keiner trifft? Bevor das „Wunder von Bern“ Wirklichkeit werden konnte, hat Sepp Herberger zu seinem Team gesagt: „11 Freunde müsst wir sein!“ Jesus hat noch deutlicher ausgedrückt, worauf es ankommt bei unserem Wettkampf:  „Liebe deinen Nächsten, so wie dich selbst!“ Und wie das gehen kann, das hat Uwe Seeler ganz toll für seine Enkel aufgeschrieben. Er redet da zwar vom Fußball, aber wenn wir Christen das mal auf uns übertragen – wir können davon eine Menge lernen: “Ist dein Mitspieler nicht gut drauf, dann musst du ihm helfen. Für ihn mitrennen und kämpfen (…) Hat dein Mannschaftskamerad sein Handtuch vergessen, dann gib ihm einen Zipfel von deinem eigenen ab – aber den trockenen. (…) Gibt’s nur eine Flasche Wasser, mach keine zu großen Schlucke. Der Kumpel hat auch Durst. (…) Fußball ist ein Mannschaftssport.“ Genau, Uwe – genauso wie das Christsein!

Drittens:
Niederlagen. Gibt’s auch bei Christen.Ich seh noch das Bild nach dem WM-Finale 2002 vor mir: Oliver Kahn an seinem Torpfosten sitzend, mit leerem Blick ins Unendliche starrend. Sein kapitaler Fehler hatte den möglichen Weltmeistertitel gekostet. Und da war Kahn, der bis dahin Unbesiegbare, der Titan, da war Oliver Kahn der verlorenste und einsamste Mensch auf der Welt. So schnell kannst du abstürzen, machst den entscheidenden Fehler, der dich eine Freundschaft kostet oder eine Liebe oder den Job. Darüber hinaus: Wir leisten uns manchmal ganz schön böse Fouls an unseren Mitmenschen, ganz zu schweigen von dem, was wir für finstere Gedanken und Gefühle in unserem Herzen tragen! Wenn das alles wahr würde, was da drin ist, wären wir gesperrt auf Lebenszeit! Der Teamchef, der sieht das alles: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, GOTT aber sieht das Herz an!“ sagt die Bibel. Und eigentlich müsste ER uns Versager dann  auf die Ersatzbank verbannen oder auf die Tribüne oder müsste uns sogar aus der Mannschaft werfen. So, wie man das sonst tut unter uns Menschen, wo uns die Freunde oder die Lehrer oder der Chef  einfach aus dem Spiel nehmen. Ende. Aus. Gott macht das nicht. Er ist einfach da, bereit, dir wieder auf die Beine zu helfen. Weiß auch nicht warum, aber irgendwie muss ER schon sehr an uns hängen. So viel Geduld mit uns hat sonst keiner. Wahrscheinlich gibt’s auch keinen, der uns so sehr liebt wie ER … Für ihn bleibe ich wertvoll mit meinen Macken und mit allem, was ich falsch gemacht habe. Er gibt mir immer wieder eine neue Chance, es gut und richtig zu machen. Bei Gott bleibst du im Spiel.

Viertens: Zuschauer. Können wir kurz machen: Christen sind keine Zuschauer. Niemals. Wer nur zuschauen will, hat nicht verstanden, dass er in die Mannschaft gehört und dort seinen Platz und seine Aufgaben hat. Christen gucken nicht zu, Christen packen an.

Fünftens: Der Siegespreis. Früher kriegten die Sieger einen Lorbeerkranz umgehängt, heute gibt es eine Medaille oder einen Pokal. Was ist das eigentlich bei uns Christen? Dieser Siegerkranz, dieser Pokal? Ich frag mal anders herum: Warum tun Christen das alles, was sie tun:
Beten, Gottesdienst feiern, Bibel lesen, versuchen, den Nachbarn zu mögen, Geld spenden, Zeit spenden, Leuten helfen, die in Not sind? Warum tun Christen das? Was treibt sie an?

Der Pokal … Ich glaube ganz fest, dass das Glück unseres Lebens letztlich bei Gott liegt. Und ich weiß, dass das unendlich viele auf der ganzen Welt genauso glauben. Und genauso erfahren haben. Und der Pokal, der Siegespreis – das ist dieses letzte, größte Glück.

Darum will ich Gott so nahe wie möglich kommen, so nahe wie meinem allerbesten Freund, wie meiner großen Liebe. Ich will Gott spüren in jedem Atemzug, den ich atme und bei jedem Schritt, den ich gehe.In der Liebe, die mich ergreift und in jedem Schmerz, den ich lindere, wenn ich am Ende bin und nicht mehr weiter weiß, immer will ich Gott spüren. In jedem Menschen, der mein Leben reicher macht, will ich Jesus entdecken. In den Worten und Geschichten dieses grandiosen heiligen menschlichen Buches Bibel will ich Gott suchen – und da finden wir ihn auch!

Und –  wir finden Gott und finden das Glück, wenn wir den Weg gehen, den Jesus vorangegangen ist. Denn er ist wohl der glücklichste Mensch gewesen, der je auf Gottes Erde gegangen ist. Kein Wunder, denn er war immer ganz nah bei Gott!

So, meine Lieben, kommen wir zum Schluss: Wir Christen tragen gewissermaßen das Kreuz auf unserem Trikot. Wir wollen es selbstbewusst tragen und nicht ausziehen. Denn Gottesdienst bedeutet nicht Schlusspfiff, sondern Anpfiff! Dann folgen wieder Spiel auf Spiel, Wettkampf auf Wettkampf. Achtet auf Eure Fitness: Das Gebet, die Bibel, der Gottesdienst. Bleibt im Team! Vertraut dem Trainer! Folgt dem Spielführer!

Und dann geht raus und holt Euch den Pokal!

Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das Ewige Leben

Aus einer Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis

Der alte Mann aus der Wohngruppe ist letzte Woche gestorben. Alle, die ihn betreut und gepflegt hatten und auch seine Angehörigen standen mit mir an seinem Bett. Wir sangen vom Glauben der Christen an die Auferstehung, wir hörten von Gottes Liebe zu denen, die gestorben sind und zu denen, die leben, wir beteten unsere Hoffnung für den alten Mann und für uns, wir segneten ihn für seine Himmelsreise. Da war ein Frieden, der uns alle intensiv verband. Da war keine Angst. Und nicht nur Traurigkeit, sondern Frieden. Und Helene lächelte und sagte: „Er ist jetzt bei seinem Herrn“. Und als wir gemeinsam den Sarg aus dem Haus brachten, stand über dem Verstorbenen die Abendsonne wie ein Versprechen: „Du kommst nach Hause.“

„Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“

Die Vergebung der Sünden: die erste große Verheißung!
Im Kleinen Katechismus Martin Luthers lesen wir, dass es der Heilige Geist ist, der das in Jesu Gemeinde bewirkt: „in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt.“ Das müsst Ihr Euch wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen:

Täglich! Alle Sünden! Reichlich! Vergibt. Können wir das glauben? Nehmen wir das ernst?
Wir glauben es nicht und nehmen es nicht ernst, wenn wir weiterhin krampfhaft versuchen, zu vertuschen, was wir anrichten, es vor uns selber schön zu reden, unsere Hinterhältigkeit mit Sachzwängen zu rechtfertigen und unsere Gemeinheiten mit dem Guten, für das sie dienen sollen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel!

Darüber hinaus – was für eine Anstrengung, was für eine Quälerei und was für eine Folter für unsere Seele: dieses Heucheln, Attackieren, Beschönigen, Vertuschen, Andere-Beschuldigen!

… mir täglich alle Sünden reichlich vergibt“ Als Jesus Petrus die Füße waschen wollte, weigerte sich Petrus zunächst: das meinte er von Jesus nicht annehmen zu können. Er hielt sich dafür für viel zu gering. Als Jesus ihm sagte, dass er dadurch Teil an ihm hätte, wenn er Petrus die Füße waschen würde, da hätte Petrus sich am liebsten den ganzen Leib von Jesus waschen lassen.  Vergebung der Sünden ist Jesu Fußwaschung an uns, an Euch, an mir. Wollen wir das zulassen an uns? Wollen wir uns die Sünden vergeben lassen und endlich frei werden? Von dem, womit wir uns und andere beschädigen?

Matthias Claudius schrieb:
„Wer nicht an Christus glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und du können das nicht. Wir brauchen jemand,  der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hände unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen; und das kann er überschwänglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wir’s lieber hätten.“

Die Auferstehung der Toten – die zweite große Verheißung! Im Kleinen Katechismus Martin Luthers lesen wir, dass der Heilige Geist „am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird“. Und das sprengt nun alles, was der menschliche Verstand erfasst. Auferstehung von den Toten? Wieder lebendig werden? Nachdem doch alles tot und vergangen ist? Wo ist der Beweis? Zurückgekommen ist noch niemand – außer Jesus! Aber sonst jedenfalls niemand, den wir persönlich kennen und dazu befragen könnten, ob das wirklich wahr ist. Und da wir alle menschliche Wesen mit Verstand sind, können wir in der Regel nicht akzeptieren, dass unser Verstand Grenzen hat. Und vielleicht doch nicht alles erfasst. Auch nicht bei dem Glauben an die Auferstehung.

Dazu ein Gleichnis – nicht aus der Bibel: Ein Gespräch von Zwillingen, die sich vor  ihrer Geburt im Schoß der Mutter unterhalten. Die Schwester sagte zu ihrem Bruder: „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt!“ Ihr Bruder erhob lebhaft Einspruch: „Nein, nein. Das hier ist alles. Hier ist es schön und warm, und wir brauchen uns lediglich an die Nabelschnur zu halten, die uns ernährt.“ Aber das Mädchen gab nicht nach: „Es muss doch mehr als diesen dunklen Ort geben; es muss anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann.“ Aber sie konnte ihren Zwillingsbruder nicht überzeugen. Dann, nach längerem Schweigen, sagte sie zögernd: „Ich muss noch etwas sagen, aber ich fürchte, du wirst auch das nicht glauben: Ich glaube nämlich, dass wir eine Mutter haben!“ Jetzt wurde ihr kleiner Bruder wütend: „Eine Mutter, eine Mutter!“ schrie er. „Was für Zeug redest du denn daher? Ich habe noch nie eine Mutter gesehen und du auch nicht. Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt? Ich habe es dir doch schon gesagt: Dieser Ort ist alles, was es gibt! Hier ist es doch alles in allem gar nicht so übel. Wir haben alles, was wir brauchen.“ Die kleine Schwester war von dieser Antwort ihres Bruders ziemlich erschlagen und wagte eine Zeitlang nichts mehr zu sagen. Aber weil sonst niemand da war, mit dem sie hätte darüber sprechen können, sagte sie schließlich doch wieder: ..Spürst du nicht ab und zu diesen Druck? Das ist doch immer wieder ganz unangenehm. Manchmal tut es richtig weh.“ ,,Ja“, gab er zur Antwort, ,,aber was soll das schon heißen?“ Seine Schwester darauf: „Weißt du, ich glaube, dass dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Wird das nicht ganz aufregend sein?“ Ihr kleiner Bruder gab ihr keine Antwort mehr. Er hatte endgültig genug vom dummen Geschwätz seiner Schwester. (nach Henry Nouwen)

Es ist schon eine Not mit dem Sterben.Sterben ist nicht harmlos und nicht banal. Sterben ist auch schwer. Ob und wenn ja, wie es weitergehen wird mit unserer Lebens-Reise, das haben wir nie gesehen. Die Witwe eines gerade Gestorbenen sagte mir einst, wie um mich zu trösten: „Ich glaube ganz fest: Sterben ist wie Geborenwerden, nur in die andere Richtung“. „In welche Richtung, glauben Sie?“ fragte ich sie. „Ins Leben“ war ihre Antwort.

„So sollen wir auch in der Angst des Todes erwägen,“ermutigt uns Martin Luther, „dass danach ein weiter Raum und große Freude sein wird!“

Das ewige Leben – die dritte Verheißung. Der Heilige Geist wird „mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben“, so beschreibt es Luther in seinem Kleinen Katechismus. Im Zusammenhang von der Auferstehung der Toten vom Ewigen Leben zu hören, könnte uns glauben lassen, das Ewige Leben sei etwas, das nach dem Tod beginnt und dann für immer – also ewig – andauert. Doch das ist Ewiges Leben nicht. Ewigkeit ist keine Zeitangabe. Ewigkeit ist der Raum, in dem Gott wirkt, in dem Gott ganz und gar wirkt. In dem es keine andere Macht gibt als Gott. Wo,  „der Tod … nicht mehr sein (wird), noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ und keine Tränen mehr geweint werden müssen. (Offb. 21)

Und ein zweites: Ewigkeit ist der Raum, wo die Liebe durch Gott schließlich ihre Vollendung erfährt. Wenn das geschieht, wird ewiges Leben sein. Wo das geschieht, ist ewiges Leben. Denn es beginnt schon hier, das ewige Leben, mitten unter uns in unserem Leben. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17, 20ff.) hat Jesus gesagt.

Hört genau hin: Nicht wir sind hier im Reich Gottes, in der Ewigkeit (noch nicht!), sagt Jesus, sondern die Ewigkeit ist unter uns.

Was bedeutet das? Unter all dem, was gar nicht nach Gott und Ewigkeit und Himmel aussieht, also unter der Krankheit und dem Streit, dem Abschied und der Verzweiflung, der Angst und der Depression ist dennoch Gottes Ewigkeit. Ist Gottes Raum und Wirken.

Es ist schade, dass wir das oft nicht sehen können, dass wir das nicht glauben können, und uns darum gottverlassen vorkommen. Es ist schade, aber es ist verständlich.

Dennoch ist es da, mitten unter uns, das Himmelreich. Und manchmal berührt der Himmel tatsächlich die Erde. Manchmal wird unser Leben von Gottes Ewigkeit berührt.

Wo dich ein Glaubenslied tröstet, wo ein Bild dich öffnet für die Kostbarkeit des Lebens, wo dich im Abschied unverhofft die Hoffnung emporhebt, wo die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern dir Frieden gibt in dein ängstliches rastloses Leben. Wo wir das erleben dürfen, und sei es nur für einen Moment, was Jesus den Leuten damals gab. Und wir diesen Moment stark sind in uns und fröhlich und mutig und beglückt und voller Liebe zum Anderen weil wir in diesem Moment Gott erkannt haben.

Und wisst Ihr: Wenn wir glauben können und da, wo wir glauben können, da ist diese Ewigkeit mitten unter uns.

Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, hatte ich mal einen Traum, den ich nie wieder vergessen konnte: Ich träumte, die Welt ginge unter und Jesus käme wieder, um die Leute zu holen, die in den Himmel dürften. Das war wie eine große Wolke, die kam herunter vom Himmel auf die Erde, und ich durfte aufsteigen. Als sich die Wolke wieder Richtung Himmel in Bewegung setzte und ich mich umsah, erblickte ich meinen Bruder, der auf der Erde zurückgelassen worden war. Das machte mich so unglaublich traurig, dass ich zu weinen begann – und aus dem Traum erwachte. Zum Glück nur ein Traum – und bestimmt war es arrogant von mir, zu träumen, dass gerade ich in den Himmel komme und mein Bruder nicht, klar –  aber wenn ich auch nicht weiß, ob mich Gott einst bei sich aufnehmen wird oder nicht, eines weiß ich seit damals ganz genau: Ich will in keinen Himmel, in dem nicht auch die sind, die ich liebe!

Und was will Gott? Ich habe mal in der Bibel nachgeguckt, darin steht 12-mal das Wort „Hölle“. Aber das Wort „Himmel“ kommt 356-mal vor… Ich bin ganz sicher – Gott hat nur einen Gedanken, eine Meinung, ein Ziel: dass wir alle zu ihm kommen.

Allerdings schaffe ich das nicht aus eigener Kraft. Da müsste ich eigentlich verzweifeln. Aber ich halte es lieber mit Martin Luther, der gesagt hat: Verzweifeln? Das lass ich bleiben. Ich hänge mich  an Jesus Christus (mit meiner ganzen Hoffnung). Dann sagt der zu Gott: Dieses Anhängsel muss auch durch in den Himmel. Er hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten. Vater, aber er hängt sich an mich mit seinem Glauben. Was will’s also! Ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlüpfen.    Das soll mein Glaube sein.