Gott, der alles sieht und weiß

Predigtreihe „Gott wer bist du?“ / Teil 2

Gott, wer bist du?

„…weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben, (Gott)?“ so beschreibt Tilmann Moser in seinem Buch „Gottesvergiftung“ seine religiöse Erziehung als Kind, „…weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, dass du alles hörst und alles siehst und auch die geheimen Gedanken erkennen kannst. (…) In der Kinderwelt sieht das dann so aus, dass man sich elend fühlt, weil du einem lauernd und ohne Pausen des Erbarmens zusiehst und zuhörst und mit Gedankenlesen beschäftigt bist. Vorübergehend mag es gelingen, lauter Sachen zu denken oder zu tun, die dich erfreuen, oder die dich zumindest milde stimmen. Ganz wahllos fallen mir  ein paar Sachen ein, die dich traurig gemacht haben, und das war ja immer das Schlimmste: dich traurig machen – ja, die ganze Last der Sorge um dein Befinden lag beständig auf mir, du kränkbare, empfindliche Person, die schon depressiv zu werden drohte, wenn ich mir die Zähne nicht geputzt hatte. Also: Hosen zerreißen hat dir nicht gepasst; im Kindergarten mit den anderen Buben im hohen Bogen an die Wand pinkeln, hat dir nicht gepasst (…) die Mädchen an den Haaren ziehen hat dich verstimmt; (…) die Mutter anschwindeln, was manchmal lebensntwendig war, hat dir tagelang Kummer gemacht; den Brüdern ein Bein stellen brahte tiefe Sorgenfalten auf dein sogenanntes Antlitz. „Herr, erhebe dein Angesicht über uns“, so haben wir am Ende des Gottesdienstes gefleht, als gäbe es keine größere Sehnsucht, als immerzu dein ewig-kontrollierendes Big-Brother-Gesicht über uns an der Decke zu sehen. (…)
Fast zwanzig Jahre war es mein oberstes Ziel, dir zu gefallen.
Das bedeutet nicht, dass ich besonders brav gewesen wäre, sondern dass ich immer und überall Schuldgefühle hatte. Du hast mir gründlich die Gewissheit geraubt, mich jemals in Ordnung fühlen zu dürfen, mich mit mir aussöhnen, mich okay finden zu können.“

Gute Güte, was hat man diesem Kind angetan, wie furchtbar den Namen Gottes missbraucht an diesem Kind! Und damit auch das Kind selbst missbraucht! Dass man aus Gott einen furchteinflößenden Spanner gemacht hat, einen Big Brother aus George Orwells „1984“, einen hinterhältigen Schlüssellochgucker bis ins Innerste deiner Seele – Auslöser von quälender ewiger Angst, diesem übermächtigen Gott nie genug zu sein.

Oder kennt Ihr das etwa auch? Gott, wer bist du?

Da möchte man sich verstecken und weiß zugleich: Gott entkommst du nicht. Gott findet mich…

Als Adam und Eva im Garten Eden gegen den Willen Gottes die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen und entdeckten, dass sie nackt waren – was ihnen bis dahin nie ein Problem gewesen war – da versuchten sie, sich vor Gott zu verstecken. Warum? Sie schämten sich. Ein Gefühl, das sie vorher nie gekannt hatten. Sie schämten sich der Nacktheit ihrer Körper. Und sie schämten sich der Nacktheit ihrer Schuld, die nun entblößt vor ihnen und vor Gott aufgedeckt lag. Die kindliche Unschuld, die es einmal zwischen ihnen und Gott gegeben hatte, die unbefangene und freie Beziehung zwischen Gotteskindern und ihrem himmlischen Vater hatten sie zerbrochen. Nun ohne Gott saßen sie einsam in ihrem Versteck…

Ich erinnere mich, wie wir als Kinder im Wald bei meiner Tante Verstecken gespielt haben. Ich hatte mich gut versteckt, mitten im Wald, hinter einem Baum unter einem Gebüsch. Stolz hockte ich da – die würden mich nie finden. Ha!
Es verging Zeit. Und noch mehr Zeit. Niemand kam.

Mein anfänglicher Stolz auf mein Versteck wich dem unguten Gefühl, allein zu sein.  Die würden mich nie finden, großer Gott! Die anderen waren bestimmt heimgegangen, hatten es aufgegeben, mich zu suchen, hatten mich aufgegeben. Ich war wie verloren. Was hätte ich darum gegeben, dass jemand käme und mich fände, jemand, der mich sieht und weiß, wie es mir geht.

Adam und Eva erinnern mich an den kleinen Lars damals im Wald. Verstecken im dunklen Gebüsch. Vor Gott. Adam, wo bist du? fragt Gott bis heute jeden von uns. Wir flüchten vor Gott, verstecken unser Leben vor ihm, wir tun so, als gäbe es ihn nicht (oder zumindest nicht von Montag bis Samstag), wir bewahren unsere dunklen Taten, aber auch unseren dunklen Kummer verborgen in uns. Und dann sitzen wir da in unserem dunklen Leben wie Adam und Eva sich vor Gott versteckten, und fühlen uns einsam und verloren. Niemand, der uns sucht. Niemand, der uns findet. Oder doch?

Spräche ich, Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag.  Ps 139, 11-12

Gott lässt uns nicht im Dunkeln hocken, dass wir dort verderben an Seele und Leib. Gott stellt uns vor sich ins Licht. Sein Angesicht ist nicht das des furchtbaren Big Brother, sondern das des liebenden Vaters. Darum finden wir vor ihm Klarheit über uns. Über das, was wir getan und über das, was wir unterlassen haben. Über unsere Schuld und über unsere Angst. Wir sagen sie ihm – die Schuld und auch unsere Angst. Und sie werden von Gott aufgehoben. Und wir sind wieder freie Gotteskinder, Schwestern und Brüder unter dem leuchtenden Angesicht des Vaters. Jochen Klepper hat es treffend so gesagt: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt“.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin. Und leite mich auf ewigem Wege.                       Ps. 139,23-24

Um uns auf ewigem Wege, also auf seinen Wegen zu leiten – dahin, wo er uns brauchen kann und wo er uns einsetzen will – wendet Gott manchmal ungewöhnliche Mittel an.

Er tut das, wenn wir nicht verstehen, was gut für uns und andere ist und weil wir außerdem immer wieder ganz schön widerborstige Menschenkinder sind.

Nehmen wir Jona – ein klasse Beispiel dafür, wie auch wir ticken. Jona kriegt von Gott einen Auftrag. Den will er aber nicht ausführen. Findet er viel zu gefährlich. Passt ihm vielleicht auch gerade nicht in seine Lebensplanung. Also ab zum nächsten Hafen und segeln, weg aus Gottes Blickfeld, am besten bis ans Ende der Welt.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten       Ps 139, 9-10

Tja, Jona …  Gott sieht Jona und weiß, dass der jetzt eine kleine Auszeit braucht, um zur Besinnung zu kommen, wie es weitergeht. Im Bauch des großen Fisches, den Gottes Hand geführt hat, dass er Jona rette, sortiert Jona sich neu und erkennt:

Ich kann vor Gott nicht weglaufen. Er findet mich.

Ich brauche vor Gott nicht wegzulaufen. Er hält mich.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir    Ps 139,5

Ich weiß, dass es noch immer Christenmenschen gibt, die unter der vermeintlichen Unberechenbarkeit Gottes leiden und Angst haben vor Gott. Weil sie glauben, vor Gott nicht gut genug zu sein. Wenn in jüngeren Jahren meine Mutter sich mit dieser Frage schwer tat, pflegte mein Vater zu sagen:“Wenn wir das alles selber hinkriegen, wozu wäre dann Jesus am Kreuz für uns gestorben?“

Nicht als Strafe ist Jesus gestorben, sondern weil er uns alle, damals wie heute, konsequent geliebt hat.      Und „Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde!“                                                                     Johannes 15, 13

Herr, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege           Ps 139, 2-3

Gott, der alles sieht und weiß – für alle, die Gottes Güte noch nicht recht trauen mögen, diese kleine Geschichte:

Der Pastor war sehr ärgerlich. Schon wieder hatten ihm die Bengels die schönsten Äpfel aus seinem Baum geklaut. Prompt hängte er ein Schild in den Baum, auf dem stand:
„Der liebe Gott sieht alles.“ Das würde dem Diebstahl sicher ein Ende bereiten!
Am nächsten Morgen sah er:
Schon wieder hatten die Jungs den Baum seiner schönsten Äpfel beraubt. Kopfschüttelnd ging er in den Garten zu seinem Baum. Auf seinem Schild stand noch immer geschrieben „Die liebe Gott sieht alles!“ Aber darunter stand: „Aber er petzt nicht!“

„Tut das dem Mann nicht weh?“

Predigt fürs Internet am Karfreitag, 10. April 2020

„Tut das dem Mann nicht weh?“
Mit großen, erschrockenen Augen steht der Junge vor dem Kruzifix, das am Rande des Wanderweges aufgestellt ist. Erst fünf Jahre alt, aber schon so viel erlebt … und erlitten:
Den Vater hat er nie gekannt, die Mutter war mit der Erziehung ihrer Kinder restlos überfordert … so ist er in schwierigsten Verhältnissen aufgewachsen.
Vom Jugendamt aus der Wohnung geholt, wollte ihn keiner aus der Familie haben, dann kam er in verschiedenen Heimen unter, nun in der Hoffnung auf Adoptiveltern, steht er an der Seite jenes Mannes, der vielleicht sein Vater werden wird und starrt auf das Kruzifix: „Tut das dem Mann nicht weh?“ fragt er. …

So fragt jemand, der nichts gar nichts von Jesus, von Golgatha, von Karfreitag und nichts von unserem Glauben weiß – der aber mehr als andere weiß, was Schmerzen und Leid sind. Dieses Kind erkennt, wo gelitten wird.

„Tut das dem Mann nicht weh?“ Das Kind zwingt uns zu antworten: Doch, dem Mann tut es weh, das tut so verdammt weh, das tut weh bis zum Tod!
„Fürwahr, er trägt unsere Krankheit, er nimmt auf sich unsere Schmerzen, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Das kann nirgend eindringlicher gesagt werden als am Karfreitag, so deutlich wie durch die Frage des Jungen. „Tut das dem Mann nicht weh?“

„Fürwahr, er trägt unsere Krankheit, er nimmt auf sich unsere Schmerzen … Er ist offenbar von jämmerlicher Gestalt, dieser Namenlose, von dem Jesaja erzählt. Die Welt verachtet ihn, man geht seiner Krankheit und seinen Schmerzen aus dem Weg. Sein Aussehen macht nicht viel her.
Darum sehen ihn die Leute nicht an, sie sehen an ihm vorbei oder über ihn hinweg, nichts an ihm ist „an-sehn-lich“.
Ich glaube, eine Menge unserer Menschengeschwister, Ihr vielleicht auch, könnten jetzt rufen: „Ja, so ist es auch bei mir. Es quält mich, mein Körper ist voller Schmerzen, meine Seele taumelt wie über einem schwarzen Abgrund. Wer hört mich schon, wer sieht mich an, wer kommt in meine Nähe? Wer??“
Leiden an sich wollte wohl irgendwie zu ertragen sein, aber das einsame Leiden – das erträgst du nicht!
Sagen wir nicht auch sehr schnell, wir könnten das Elend nicht mehr ansehen? Und sehen darum die im Elend nicht mehr an…?

In diesen Zeiten, wo in der Welt tausendfach an dem Virus gestorben wird, und wir die Bilder von den vielen Särgen, von den LKWs, die die vielen Toten abtransportieren, fast nicht mehr aushalten, und dabei fast vergessen, dass es noch immer, auch ohne Virus, Menschen gibt, die persönlich getroffen sind von Krankheit, von Angst und Einsamkeit, von dem demütigen Gefühl, nichts wert zu sein, vielleicht gerade in diesen Zeiten – in diesen Zeiten will sich die Frage aufdrängen: „Wie kann Gott das zulassen?“

Der gütige und barmherzige Gott und dann dieses pandemische todbringende Geschehen. Wie passt das zusammen? Der allmächtige Gott – in diesen bösen Zeiten: was treibt er da oben in seinem Himmel?
Ich frage Euch: Was für ein Bild von Gott steht hinter dieser – vielleicht verzweifelten – Anklage? Das Bild von einem Gott, der selber jung, stark und gesund ist, der die Alten, Schwachen und Kranken nicht kennt, dem sie einfach egal sind?
Das wäre ein Gott, der sich einen Spaß daraus macht, die Menschen ungerührt aus der himmlischen Ferne zu beobachten, wie sie sich verhalten, wenn sie einmal nicht jung, stark und gesund sind. So wie ein Wissenschaftler mit seinen weißen Mäusen experimentiert.
Das wäre vielleicht ein Gott, der sich an seiner himmelweiten Überlegenheit an den Menschen berauscht. Was für ein furchtbarer Gott ist das?! Was für ein entsetzliches Gottesbild, das da in uns steckt?!
Wie haben wir doch die Allmacht Gottes missverstanden, wenn sie aus IHM einen Schachspieler macht, der seine Menschen auf dem Schachbrett dieser Welt schiebt und opfert nach Belieben – und wenn er zornig ist, das ganze Brett einfach umstößt!
Unter dem Kreuz von Jesus sehen wir etwas anderes.
Wir sehen, was Jesaja Jahrhunderte vorher so beschreibt: Er litt willig und tat seinen Mund nicht auf… Er hat selbst entschieden, dass er für die Vielen leiden will. Das ist wie ein stilles Einverständnis zwischen ihm und Gott. Da sind sie sich einig, diese beiden.
Also wird er Krankheit tragen, damit andere gesund werden;
er wird bei den Übeltätern sein Grab finden, damit auch die Übeltäter ins Leben zurück finden;
er wird von aller Welt verachtet sein, damit auch die Verachteten ihre Würde zurückbekommen,
er wird unschuldig sterben, damit die Schuldigen leben dürfen.
Wie könnten wir Christenmenschen anders, als in diesem Mann Jesus selbst erblicken?!
Und kein Reden von der Allmacht Gottes darf ihn wieder in einen fernen Himmel verbannen – er lässt sich nicht vertreiben. Er bleibt uns unerschütterlich treu – uns, seinen leidenden Menschgeschwistern.

„Tut das dem Mann nicht weh?“
Es gibt in diesen Wochen Menschen, denen tut es herzlich weh, was ihre Mitmenschen ertragen müssen. Sie tun viel, sie geben sogar alles und mehr, um ihre Krankheit zu überwinden oder mindestens ihr Leid zu lindern.
Die Ärzte und Schwestern und Pfleger in den Kliniken und auf de Intensivstationen. Die Männer und Frauen, die für unsere Alten da sind in den Seniorenheimen. Und so viele mehr.
Der Herforder Arzt, der seinen Ruhestand abbrach, um am Corona-Virus Erkrankten zu helfen und der das mit seinem Leben bezahlte.
Der infizierte italienische Priester, der sein Beatmungsgerät einem anderen Kranken überließ, damit der überleben konnte.
Ob sie es wissen oder nicht – sie gehen alle in den Spuren von Jesus. Sie lassen uns spüren, welcher Segen sich aus dem Handeln von Karfreitag entfalten kann. Wie aus dem Tod eines Menschen Leben für andere möglich wird.

Weil – wie ich in einem Leserbrief der NW treffend zugespitzt lesen konnte – weil die Liebe zum Menschen rücksichtslos Platz greifen kann. Unaufhaltsam die Menschen liebend, unerschütterlich treu immer an ihrer Seite.
Das ist Jesus, das ist Karfreitag.

Heute hast du Geburtstag

Heute hast Du Geburtstag.

Das hast Du früher gefeiert, „als wär’s eine rauschende Ballnacht“ – mit allen Verwandten und Freunden, mit leckerem Essen, mit Bowle und Schnaps, mit Musik und Singen und Tanzen.

Mittendrin du.
Mit allen und jedem im Gespräch, deine mir so vertrauten Sprüche deklamierend, lachend und andere zum Lachen bringend. Leicht beschwipst, nahmst Du auch mal gerne einen Zigarillo. Für den Moment herrlich mondän.

Und wenn das Ganze (eigentlich) zu Ende war, nahmst du den vertrautesten Kreis noch mit in die Küche „auf einen Schlüerschluck“. Bis die Sonne aufging…

So stark, so lebendig, so unabhängig.
Du nahmst kein Blatt vor den Mund. Kuschen gab es für dich nicht. Ein vermeintlich „lieber Frieden“ reichte in der Regel für dich nicht aus, um klein beizugeben. Du hattest das Leben im Griff. Meistens.
Oft auch mich.
Manchmal warst Du zu stark für mich…

Meine Freunde fanden dich überwältigend wunderbar. Wenn sie mir sagten, warum und wie sehr, war ich so stolz auf dich.

Später bist du ruhig geworden. Sanft. Zart. Lieb. Irgendwie süß.
Da liebte ich dich so innig wie einst als Kind. Und du zeigtest mir, wie sehr du mich liebtest.
Dich dann zu besuchen, war wie früher, wenn ich nach Hause kam: Du warst da und alles war gut, und ich war sicher und geborgen.

Heute hättest Du Geburtstag.
Ich vermisse dich.
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Ungehaltene Predigt

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. 28 Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.                                                                                                                                           Markus 4,26-29

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich erinnere mich noch gut an den fröhlichen Streit mit einem Taufvater, der – kaum hatte ich das Wohnzimmer betreten – das Gespräch mit den Worten eröffnete, der Mensch als vernunftbegabtes Wesen könne doch nicht allen Ernstes glauben, dass es einen Gott gäbe. Wo der denn sei? Und wie ich ihn beweisen wolle…

Im Verlauf des Gespräches erfuhr ich, dass er als „moderner Mensch“ der Naturwissenschaft vertraute und seinen eigenen Fähigkeiten und vor allem allein seinem Verstand – was am Ende ja irgendwie dasselbe ist.

Wie weit reicht der Verstand? Ist er grenzenlos? Wir wissen doch eigentlich, dass es Sinne gibt außerhalb des Verstandes, die Kraft haben, die lebendig wirken, die auch eine Wahrheit sind:
Vertrauen.     Auch gegen den Augenschein

Intuition.        Auch wenn der Verstand etwas anderes sagt.

Hoffnung.

Vorstellungskraft.

Liebe.

Für mich zeigt sich, wie begrenzt der Verstand ist, wenn der Verstand diese Lebenskräfte Vertrauen, Intuition, Hoffnung, Vorstellungskraft, Liebe nicht ernst nimmt, sie ignoriert. Wenn er sich ausschließlich auf akademische Diskussion einlassen will – z.B. auch über Gott. So wie man über ein Pantoffeltierchen unterm Mikroskop redet.

Wenn Jesus von Gott erzählt, unterlässt er alles, was Gott zum bloßen Diskussionsbeitrag degradiert. Dazu überleg mal:

Wenn du von deiner Liebsten erzählst und was sie dir bedeutet, erzählst du dann ihr Alter, ihre Schuhgröße, ihr Gewicht und die Zensur ihres Abschlusszeugnisses? Bestimmt nicht! Vielmehr erzählst du doch das, was sie für dich ist, was sie in dir bewegt – und daran, wie du von ihr erzählst, wird jeder merken, wie eng Ihr beide miteinander verbunden seid.

So redet Jesus von Gott, vom „Reich Gottes“. Jesus erstattet nicht einfach einen Bericht über Gott, er legt keine Analyse Gottes vor, die seine Hörer prüfen könnten wie das Pantoffeltierchen unterm Mikroskop, und er bringt Gott auch nicht auf eine griffige Formel, mit der man jeder Frage den Mund stopfen könnte.

Jesus spricht auf seine Weise von Gott, von Gottes Reich – im Gleichnis. Z.B. in diesem Gleichnis von der selber wachsenden Saat. Nun könntet Ihr sagen: Warum denn im Gleichnis? Warum nicht direkt?

Wir dürfen davon ausgehen, dass Jesus die Menschen unbedingt  mit Gott verbinden wollte, so innig wie möglich. Darum wollte er gewiss kein Quiz veranstalten, wo die Hörer ein Rätsel lösen sollen. Und wer’s löst, hat bei Gott gewonnen, oder so… Nein. So funktioniert das nicht.

Es liegt daran: Gott ist ein Geheimnis. Es ist keine Flucht vor dem Verstand, wenn wir von Gott als Geheimnis reden. Es ist vielmehr – wie Johannes Hansen sagt – „die Anbetung Gottes und die Anerkennung der Grenze unseres Verstandes.“

Vielleicht kann man darum von Gottes Reich gar nicht anders reden als im Gleichnis. Weil Gott und sein Wirken geheimnisvoll geschehen. Wie in jenem wunderbaren Geheimnis von der selbstwachsenden Saat. Dieses Wunder eines keimenden Samenkorns entzieht sich dem rein analytischen Verstand. Der Verstand kann beschreiben, was geschieht und in welchen Zusammenhängen Wachsen und Gedeihen sich ereignen. Aber der Verstand kann nicht begründen, dass das Korn aufbricht und woher diese unglaublichen Schöpfungskräfte stammen, die das Korn über den Halm zur Ähre, dann zum vollen Weizen in der Ähre reifen lassen.

Wir wissen auch bestens Bescheid darüber, wie ein Menschenkind entsteht, wie es wächst im Mutterleib und dann zur Welt kommt – aber ist es nicht dennoch ein Wunder, wenn es geschieht?

Es gehört allerdings eine Haltung der Demut dazu und eine Haltung der Erwartung, um ein Geheimnis als Geheimnis zu erkennen und ein Wunder als ein Wunder. Der Zeitgenosse, der allein auf dem Thron seines Verstandes sitzt, der meint, alles zu wissen und darum nichts mehr erwartet, sieht gar nichts und bleibt immer nur bei sich selbst. Erstaunlicherweise gibt es gerade Wissenschaftler, die – je mehr sie entdecken und herausfinden über die Welt und das Leben – umso mehr staunen über das Wunder, über das Geheimnis in allem.

Das Geheimnis der Saat, die von selbst wächst, beschreibt das Geheimnis von Gottes Reich. „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.“

Da steckt doch schon am Anfang so viel Evangelium drin! Gott sät; ER macht sich auf und sät; streut seine gute Saat weit und großzügig in unsere Welt. ER sät seine guten Gaben, seine guten Gedanken, sein gutes Wort, sein kritisches, fröhliches, störendes, tröstendes, liebevolles Wort, ER sät seine Güte – was du zum Leben brauchst und was zum Leben gut für dich ist, hat ER in dieses Leben ausgestreut.

Seinen Sohn gab er in unsere Welt, säte ihn in unsere Erde:
„Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt / Keim, der aus der Erde in den Morgen dringt. Liebe lebt auf,… Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün“ (EG 98,1)

Wohin Jesus kam, da war „Reich Gottes“: Wohin Jesus kam, da wuchs Vertrauen zum Leben, da blühten Menschen auf – wie im Gleichnis von der Saat – da gewann das fromme Wort „Heil“ eine zutiefst lebendige Bedeutung, weil es Menschen, die an Leib und Seele kaputt waren, wieder heil werden ließ. Und das geschieht seit nunmehr bald 2000 Jahren überall auf dieser Erde, wo Menschen mit diesem Gott und seinem Sohn leben.

  • Allein, dass wir heute morgen hier sind im Gottesdienst, dass wir singen, beten, Predigt hören, glauben wollen, allein das will ein Zeichen sein für die Kraft des Reiches Gottes;
  • Wo Vertrauen unter uns ist und Liebe und Hoffnung, die immer wieder für mehr als einen reichen und die Vorstellungskraft, wer wir als Gemeinde sind über alle Unterschiede hinweg und die Intuition aus unserem Glauben heraus, die uns anleitet, was zu tun ist.
  • wo Ihr Eltern und Großeltern Euren Kindern und Enkeln aus der Kinderbibel vorlest, wenn Ihr mit ihnen betet zum gütigen Gott, wenn sie an Euch etwas zu spüren bekommen von Jesus als dem großen Freund ihres Lebens, dann will darin etwas vom Reich Gottes unter Euch geschehen.
  • wo wir uns bei unserer kranken Nachbarin einfinden, uns zu ihr ans Bett setzen und der alten Frau zuhören und erleben dürfen, wie es uns beide reich macht; wo wir Geduld aufbringen für die Langsamkeit des alten Mannes, wo wir sie in unsere Gedanken lassen, in unsere Gebete, in unser Leben, wo wir einander mit Achtung begegnen – allen Menschen! Wo wir nicht mehr „unsere Werte“ verteidigen wollen, sondern Jesu Werte leben, dann wird darin gewiss etwas vom Reich Gottes sich unter uns ereignen;
  • wo unter Euch tröstende Worte gesprochen und gehört werden, wo Zeit geteilt und Freude weitergegeben und empfangen wird, wo das biblische Wort bewegt und überlegt wird, wo der Eifer für Gott nicht die Liebe zum Menschen opfert,… da wird etwas vom Reich Gottes unter uns geschehen.

Ich weiß – manches misslingt, etliches geht auch daneben, immer wieder mal findet unsere Mühe kein erfolgreiches Ende – es ist wie in jenem anderen Gleichnis Jesu, in dem der Bauer auch Samen aussät und einiges auf schlechten Boden, einiges auf Felsen, einiges unter die Dornen und vieles auf guten Boden fällt.

Vielleicht haben wir uns sehr um einen Menschen gemüht, dem wir Gott lieb machen wollten, und es erreichte ihn einfach nicht.

Was haben wir vielleicht nicht alles versucht, um uns mit unserem Streitgegner zu vertragen – aber es ist nicht gelungen.

Vielleicht sind wir auch skeptisch, ob das, was wir ausgesät haben, auch aufgehen wird:  Werden unsere Enkel, denen wir aus der Kinderbibel vorgelesen, mit denen wir gebetet haben, auch später noch von Gott hören wollen, beten, Gottesdienst feiern, glauben können? Werden meine Konfirmandinnen und Konfirmanden ihrem Versprechen treu bleiben, das sie in zwei Monaten hier ablegen werden?

Die Antwort aus dem Gleichnis auf diese Fragen heißt:  „der Same geht auf und wächst“, du weißt nicht wie. Und am Ende wird  gejubelt werden:  „Die Ernte ist da!“

Bevor wir angefangen haben / und wenn wir aufgehört haben, ist Gott immer schon und immer noch am Werk. Jener Sämann, nachdem er gesät hat, schläft und steht auf, Nacht und Tag. Ein heilvoller Rhythmus von Arbeit und Ruhe, von sich-anstrengen und einfach geschehen lassen. Das heilt uns, weil es uns vergewissert:

  • Es gibt Zeiten, da bin ich entbehrlich – auch als Christ
  • Es gibt Zeiten, da nicht alles hängt von mir ab – auch als Christ
  • Es gibt Zeiten, da darf ich einfach ruhig schlafen
  • es gibt Anfänge – zu Zeiten
  • und es gibt gottlob auch ein Ende – zu Zeiten

Gegen den Terror der Antreiber – oder gegen die eigenen Allmachtsphantasien – begreife ich: Gott gibt Zeit, es ist genug Zeit da, Gott wirkt auch wenn ich schlafe und nichts tun kann.

Vielleicht musst du glauben, dass der „Grund aller Dinge“ gut ist, um ihnen und dir selbst Zeit zu lassen. (Fulbert Steffensky) Der Grund aller Dinge ist gut, denn er ist Gott. Darum: Gott segne unser Tun und ER segne auch unser Lassen.

Amen.

Brief an Opa – zum Volkstrauertag

Lieber Opa Alfred! (1903 – 1971)

Wieder ist Volkstrauertag, ein Tag, wo unser Volk zum Mahnen und Gedenken aufgerufen ist. Zum Gedenken der Kriege und der Gewaltherrschaft, die von unserem Land ausgingen und in unserem Land mörderisch wüteten. Und des Unfriedens und Mordens auf unserer Welt. Ein Tag des Mahnens auch, dass wir uns einsetzen für den Frieden und für ein friedvolles Miteinander unter uns und unter den Völkern.

Ich habe Dich nur die ersten 10 Jahre meines Lebens gekannt. Das ist keine Lebenszeit, wo ein Enkel mit seinem Opa über Krieg und Gewaltherrschaft hätte diskutieren können. Umso mehr wünsche ich mir dich als Gesprächspartner für heute. Weißt du:
Ich habe einen guten Meter Literatur zum Nationalsozialismus, zum millionenfachen Mord an den Juden, zum 2. Weltkrieg, zu den Verbrechen der Polizei und der Wehrmacht in meinem Regal stehen und noch viel mehr gelesen, ich war im Konzentrationslager Buchenwald, habe Gedenktafeln und Gedenkbücher in allen Variationen gesehen, aber, Opa: Verstanden, mit meinem Herzen nachvollziehen können, habe ich bis heute nicht, wie das alles hat geschehen können, wie Menschen so furchtbare Grausamkeiten haben tun können. Du hast damals gelebt, Opa, du warst Soldat im Krieg, du warst in russischer Gefangenschaft: Was könntest Du mir sagen über damals? Und über dich damals?

Wann hast du erkannt, dass man dich und deine Kameraden belogen und betrogen hat? Dass man euch in Wahrheit an einem Verbrechen beteiligt hat?Ihr wart Soldaten in einem Angriffskrieg – und so ein grundloser Überfall auf ein anderes Volk, ein solcher Angriffskrieg, nicht wahr Opa Alfred: das ist doch ein Verbrechen, oder?

Ich versuche mir vorzustellen, was das für dich bedeutet haben muss, als Dir das aufging – für dich, der du ein so klares Verständnis von Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit hattest: dass man dein Verständnis von Treue und Gehorsam so missbraucht hat.

Hast du schlafen können, Opa, mit den Bildern des Sterbens und des Tötens vor Augen? Musstest du auch Briefe schreiben an die Familien getöteter Kameraden? „Heldenhaft gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ – hast du das auch geschrieben? Und wenn – wie lange hast du das selber geglaubt, was du da geschrieben hast? Hättest vielleicht irgendwann am liebsten geschrieben: „getötet worden von dem krankhaften Größenwahnsinn eines mörderischen Rassisten und allen, die ihm nachgelaufen sind“.

Vielleicht hast du auch ab und zu an die denken müssen, die du und deine Kameraden getötet haben – haben sie dich manchmal in deinen Träumen verfolgt? Dass sie ja auch Ehefrauen hatten und Kinder, dass sie Menschen waren wie ihr, die lachten und weinten, die gesungen und getanzt, geliebt und gelitten haben – wie Ihr?

Lieber Opa Alfred, ich ahne, was der Krieg dir angetan hat. Als gut 6-jähriger Junge habe ich zum ersten Mal deine Verwundungen gesehen, von deinem Soldatsein gehört – aber ich konnte dich nie als den großen Abenteurer oder Helden sehen, wie ich sie bei Karl May begeistert gelesen hatte. Nein, was ich hörte, hat mir große Angst gemacht. Ich fürchtete mich, mir vorzustellen, was du im Krieg erlebt hast – und auch, was du da vielleicht getan hast.

Opa, wie hast du dich selber gesehen, dich und deine Kameraden: als Opfer? Opfer des Krieges, der Nazis, der Russen, des Schicksals? Oder hast du dich auch als Täter gesehen?

Vielleicht hättest du mir jetzt etwas erzählen können, wie sehr die menschliche Seele verletzt, verkrümmt wird durch den Krieg. Wie der Krieg mit seinen Schrecken und seinen Grausamkeiten einen Menschen verrohen lassen kann und sein Menschsein verloren geht. Opa, ich würde das aushalten wollen, wenn du mir das erzähltest, was du getan hast. Weil ich verstehen will.

Lieber Opa, gerne hätte ich mit Dir gesprochen über die Verführbarkeit des Menschen. Wie wir immer wieder blind und zugleich lustvoll den Rattenfängern hinterherlaufen, die uns ins Verderben führen. Und reden würde ich gerne mit dir über die vielen kleinen Schergen des Terrors, über die Denunzianten im heuchlerischen Gewand „ehrbarer Bürger“, über die Hetzer und Petzen, die alle sich an der Macht berauschten, ihren Nachbarn und Mitbürgern zu drohen, sie zu erpressen, sie einzuschüchtern und dann ans Messer zu liefern. Über die Blockwarte, über die hinterhältigen Amtsdiener, jeder ein eigener Diktator in seinem Büro, die noch für jede Widerwärtigkeit eine eloquente Formulierung fanden, um ihrem boshaften und bösen Tun einen Schein des Rechts zu geben.

„Halt!“ höre ich Dich in Gedanken sagen. „Ist das denn heute so sehr anders als damals? Gewiss gedeiht diese üble Sorte Mensch am besten in einer Diktatur. Aber gibt es diese Brunnenvergifter nicht auch heute und auch in deinem Ort und deiner Stadt? Die als Nachbarn Nachbarschaft vernichten durch ihr faules Gerede. Die als Beamte besonders gerne Asylbewerber ihre Macht spüren lassen. Die als Vorgesetzte ihre Frustrationen an ausländischen Hilfskräften abreagieren. Die als Stammtisch-Parolisten  und auf den Straßen mit der Reichskriegsflagge unverhohlen ihre Sympathie für Nazis und was sie getan haben, ausdrücken. Für die immer die Fremden an allem schuld sind. Gibt es die nicht auch bei euch hier und heute?“

Vielleicht würdest Du, Opa, jetzt mahnen, dass es meine, nein, unsere Aufgabe ist und immer unsere Aufgabe bleiben wird, allen diesen … Gestalten und ihrem Treiben mutig und klar und entschlossen entgegenzutreten, wenn wir denn den Frieden wirklich wollen – nicht nur als Rede an diesem Volkstrauertag. Nicht nur in dem großartigen Widerstand am vergangenen Samstag in Bielefeld, sondern auch in unseren Familien, bei Freunden und Kollegen, da, wo es auch mal wirklich schwer fällt, mutig und entschlossen dem Hetzen und dem Hass entgegenzutreten.

Du hast den Krieg überlebt, Opa Alfred. Dein Name steht also auf keinem Weltkriegsmahnmal, obwohl ich heute auch deiner gedenken möchte. Deiner Verletzungen, die du mit heimgebracht hast, Verletzungen an Leib und Seele. Deiner schweren Zeit im Krieg. Und auch der Menschen, die wegen dir gestorben sind, will ich mit dir gedenken.

Du hast dich für die Witwen deiner gefallenen Kameraden eingesetzt: dass sie ihre, wenn auch kleine, Kriegerwitwen-Rente bekamen. An wie vielen Tischen du wohl gesessen hast und mit diesen Opfern des Krieges gesprochen, was mögen sie dir alles erzählt haben …?

Als Vorsitzender im Reichsbund hast du unzählige Formulare für sie ausgefüllt, ihnen beim Widerspruch geholfen, wenn der Staat seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommen wollte, damit sie versorgt wurden.

Und vielleicht ist das immer noch der beste Dienst zum Frieden: Dass wir denen, die unsere Hilfe brauchen, zur Seite stehen. Und dass das gerade die Schwachen und Stummen und Fremden in unserer Mitte sind. Und so dann auch dieser Volkstrauertag konkret wird und Sinn macht.

Du bist schon so lange tot, Opa Alfred. So lange, dass dein Name auf keinem Grabstein mehr steht. Aber du bist auch ohne Grabstein nicht vergessen. Und selbst wenn meine Generation einmal nicht mehr da ist, um uns an dich zu erinnern, dann wird dein Gedenken immer noch aufgehoben sein bei unserem Gott.

Wie das Gedenken aller, die einmal Feinde waren und Täter und Opfer.

Alle aufgehoben in SEINEM Gedenken.

Wenn SCHALOM ist

Predigt am 29. September 2019

72 Jünger hatte Jesus ausgesandt, um zu verkündigen, dass Gottes Herrschaft nahe herbeigekommen sei. Und sie sollten auch sichtbar machen, dass Gottes Macht größer ist als alles Böse und alles Leid – indem sie kranke Menschen heilen sollten. Was für ein Auftrag!
Dann kommen sie zurück zu ihrem Herrn Jesus – und davon erzählt unser Predigttext

Lukas 10, 17-20

Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr,
auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.
18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen
Blitz.
19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione,
und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.
20 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut
euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Den Rollifahrer neben mir hatte ich gar nicht bemerkt. Wir waren im Lokschuppen zum Rudelsingen. Da stehst du zum Singen auf und setzt dich zwischendurch immer wieder hin. In einer dieser kurzen Pausen sprach er mich an:
„Hey, ich bin zum ersten Mal hier. Das macht ja richtig Spaß!“

Wir kamen ins Plaudern. In jeder der kurzen Pausen. Eigentlich war tagsüber mein Gemüt viel zu trübe gewesen, um singen zu gehen, aber jetzt fühlte sich das wie mit Flügeln an mit dem Rolli – „Ich heiße Torsten“ – an meiner Seite. Dann fragte er, weil das doch so ein toller Rhythmus sei, wolle er sich gerne hinstellen und ob er sich wohl auf meine Schulter stützen dürfe. Gerne. Und wir beide schunkelten zu dem alten Freundschaftssong „Those were the days my friend“. Und es fühlte sich sehr gut an.

Mir fiel auf, dass die Leute um uns herum uns immer wieder freundlich ansahen, uns ermunternd zulächelten, den Daumen hoben. Dieses warme, fröhliche, leichte Gefühl, das mich zu erfüllen begann – und Torsten sicher auch – schien sich in unseren Stuhlreihen auszubreiten.

Unwillkürlich erinnerte ich mich an das Lied

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise. / Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. / Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, / da wird die Welt vom Licht erhellt, da bleibt nichts, was und trennt

Und dann, zum letzten Lied des Abends, wagte ich es, ihn anzusprechen: „Hey, Torsten, noch einmal gemeinsam?“ Und er stemmte sich in seinem Rollstuhl hoch, stützte sich auf mich, und Arm in Arm sangen wir „What a wonderful world“. Und sollten tatsächlich zuvor irgendwelche Dämonen in hässlichen Gedanken oder dunklen Gefühlen unter uns gewesen sein – nun waren sie vertrieben. So muss sich der Schalom Gottes anfühlen, wenn alles gut und im Frieden ist und nichts fehlt. Wirklich „What a wonderful world“!

Wenn die 72 Jünger damals so etwas erlebt haben sollten, dann kann ich ihre übergroße Freude darüber gut nachvollziehen. Wenn wir die Kraft Jesu und die Macht von Gottes Schalom erfahren dürfen, dann bleibt nichts anderes als große, pure Freude. Man möchte die 72 fast beneiden …

Wieso überhaupt 72? Gute Güte, das sind ja ganz schön viele! Wir wissen, dass es den Kreis der 12 Jünger gab. Aber 72?

Damals stellten sich die Leute vor, dass es 72 nichtjüdische Völker auf der Welt gibt. Und die sollen nun alle von Jesu Evangelium erfahren. Alle! Alle Welt! Und darum will Jesus dafür auch alle Christenleute brauchen, auch jeden von uns hier: „Geht zu  allen Völkern dieser Welt…“ Gehen, nicht sitzenbleiben. Zu Jesus zu gehören, Christ zu sein, das endet nicht am Sonntagmittag in der Kirchenbank. Kirche ist nicht Kino oder Theater, wo wir Zuschauer bleiben und anschließend das, was wir erlebt haben, bewerten:
„war toll, war langweilig, hat mir gefallen, ich komme wieder, kein Wunder, dass so viele aus der Kirche austreten“. Nein, ein Christ ist kein Zuschauer. Der Besuch des Gottesdienstes ist für uns Christenleute die Oase zum Kraftschöpfen – wie das Hinsetzen beim Singen. Aber dann stehen wir wieder auf, auch wenn es schwer fällt. Stehen wir auf wie – mein Rollifahrer Torsten. Der aufgestanden ist, auch wenn es schwer fiel.  Weil er sich da lebendig fühlte. Und weil er mich damit anstecken konnte.

Wie geht man zu allen Völkern dieser Welt? Wie zeigt man den Menschen, dass sie wertvoll sind, dass sie nicht alleingelassen sind, dass sie geliebt werden, dass Gott sie gewollt hat und es gut mit ihnen meint? Wie macht man das? Ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass ich Euch das wirklich erklären muss. Aber Beispiele kann ich geben:
Die Frau, von der ich las, dass sie mit selbstgebackenem Kuchen zu jedem ihrer Nachbarn gegangen ist. Und welche Nähe, welche Gemeinschaft sich aus solcher Güte entwickelte. Christel, die Krankenschwester gelernt hat und jetzt Sterbende im Hospiz liebevoll begleitet. Der bärtige Alte, der seinen Freund im Rollstuhl durchs Dorf schiebt. Ein Schlaganfall kann Freunde nicht trennen. Pia, die einen Mitschüler, der mit Kirche nichts am Hut hatte, zum „Punkt6“-Gottesdienst einlud – und die Jugendlichen, die diesen Gottesdienst vorbereiten und feiern, sehen ihn von nun an jeden Monat wiederkommen. Charlott, die mit 5 Jahren zum Kinderbibelfrühstück kam und jetzt voller Begeisterung für den Glauben ist und die nun Hebräisch lernt, weil sie unbedingt Pastorin werden will.

Wenn die 72 Jünger damals so etwas erlebt haben sollten, dann kann ich ihre übergroße Freude darüber gut nachvollziehen. Wenn wir die Kraft Jesu und die Macht von Gottes Schalom erfahren dürfen, dann bleibt nichts anderes als große, pure Freude. Könnten wir diesen Freude nur behalten…

„Siehe, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione“ sagt Jesus. Schlangen und Skorpione? Sehr gefährlich! Oh Jesus, da fallen mir einige ein:

Die unter uns, die mit geradezu unverschämter Dreistigkeit ganz offen über Flüchtlinge und Menschen anderer Hautfarbe herziehen. Schäbige, ja mörderische Witze über jene, die aus purer Not zu uns gekommen sind, werden gehässig ohne jede Scham unter uns erzählt. Und man lacht schallend dazu. Ich bin erstaunt, wer da alles mitmacht… Man nennt sich dabei „besorgter Bürger“ oder einfach „Patriot“.

Schwestern und Brüder – Muss man das in einer Predigt extra noch laut sagen, dass solches Handeln das Gegenteil vom Evangelium ist? Dass Glaube und Hass, Christus und Rassismus, Menschenverachtung und Gottesliebe nicht zusammen gehen?!

„Der Satan“, so sagt Jesus, das Böse „ist vom Himmel gestürzt“. Gebt Ihr ihm doch nicht die Macht, die ihm nicht mehr zusteht!! Also wo sind unsere Stimmen, die Einspruch erheben, wenn rassistisch gespottet wird unter uns, die Stimmen, die es klar aussprechen, wenn in unseren Familien menschenverachtende Witze erzählt werden, wenn man dort gegen unsere Menschengeschwister hetzt, wie ein Politiker über eine andere Politikerin sagte, man solle „sie in Anatolien entsorgen“.

Dem Hass und der Gewalt nicht nachgeben, ihnen nicht den Platz überlassen unter uns, nicht die Macht geben. GOTT die Macht geben, SEINEM Frieden, seinem SCHALOM, wie ich ihn am Anfang beschrieben habe. Ist das nicht lohnend? Ist es das nicht wert, liebe Christengeschwister? –

In unserer Jöllenbecker Marienkirche findet man auf den alten Kirchenbänken kleine Messingschildchen. Da sind in alter Schrift Namen aufgeschrieben. Hier hatte zu alter Zeit ein ganz bestimmter Mensch seinen festen Platz. Der war nur für ihn. Keiner konnte ihm den wegnehmen. Sein Name sicherte ihm diesen Platz in der Kirchenbank.

In der Bibel lesen wir, dass Gott sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ „Ich habe dich gewollt. Du gehörst zu mir“. Seit Deiner Taufe hast Du bei Gott einen festen Platz. Da steht unwiderruflich dein Name! Darum kann kein Mensch und keine Macht der Welt dir diesen Platz wieder wegnehmen.

Und was immer uns gelingt in Jesu Namen und wo immer wir dabei auch versagen, wo wir hier und da den Schalom Gottes erleben dürfen und auch dann, wenn es dunkel wird um uns – der Himmel ist für uns bereitet:

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der andern eine Grube gräbt

Wenn ihr mit euren Familienangehörigen und Verwandten an der Grube eintrefft, bin ich wieder in meinem Häuschen oben auf der Kuppe des Friedhofs.

Den großen Erdhaufen habe ich diskret unter einer künstlichen Grasdecke versteckt. Sieht ein bisschen so aus, als schäme er sich, den Ankommenden in nackter Offenheit zu entblößen, dass er am Ende allen Abschiednehmens, aller Worte, Blumen und Tränen schließlich doch alles Sterbliche unter sich begraben wird.

72757_original_R_K_B_by_Alipictures_pixelio.deAlipictures/pixelio.de

Irgendwann komme ich dann wieder mit meiner Schaufel. Es ist ruhig hier unten zwischen den hohen Bäumen. Da oben zwitschert eine Amsel freche Vogellieder und singt vom Leben und grüßt die Sonne zur Mittagszeit.

Und ich beginne, die Erde in die Grube zu schaufeln, ein Wurf nach dem anderen.
Am Anfang poltert es etwas, wir haben Lehmboden auf unserem Friedhof. Dann aber höre ich den friedlich-satt klingenden Ton von Erde, die auf Erde fällt. Es fühlt sich gut an, das Schaufeln, es fühlt sich richtig an, wie ich hier gebückt stehe und Schaufel auf Schaufel schweren Boden in die Grube werfe.

Ich bin im Schatten eines Friedhofes aufgewachsen, weit weg von hier. Totengräber nannten die Erwachsenen die Männer, die die Gräber aushoben. „Totengräber! Totengräber!“ riefen wir Kinder über die Hecke, die unser Grundstück von ihrem Arbeitsplatz  trennte. Die Männer arbeiteten stoisch weiter, sie reagierten nicht auf unsere Rufe. Ihr Tun wirkte konzentriert, sie schienen mit Bedacht zu graben. Ab und zu hielt einer von ihnen inne, zog ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich Stirn und Nacken ab. Sie sprachen nicht während ihrer Arbeit. Ihr Reden verstummte, sobald sie ihre Arbeit begannen und wurde erst wieder aufgenommen, wenn sie sich von der ausgehobenen Grube entfernten.

Der Tod machte uns Kindern keine Angst. Dazu war er uns zu fremd. „Totengräber“ zu rufen, das hatte etwas Gruseliges an sich, das uns kurz wohlig schaudern ließ, mehr nicht. Indem wir „Totengräber!“ riefen, bemächtigten wir uns des Grusels. Es war für uns nichts anderes als das Schaudern, das wir auf dem Rummel für 50 Pfennig in einer Geisterbahn erfuhren. Am Ende kommst Du unbeschadet raus und fühlst dich als Bezwinger aller Angst.

Ich bin Gärtner. Ich pflege nicht die Toten, ich pflege die Gräber. – Anders jener Mann, der mich vom Fahrrad aus freundlich grüßte, auf seine Harke zeigte und mir fröhlich zurief, er müsse nur noch kurz Oma „kämmen“-

Aber ich bin auch ein Gräber. Und ich bin es gerne. Ich hebe eine Grube aus. Wenn die Grube ihren Zweck erfüllt hat, schaufele ich die Erde wieder in die Grube hinein. Die Erde ist Mutter, sie nimmt uns am Ende wieder in ihren Schoß.

„Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden“, sagt der Pastor.

Ich bin einverstanden.

Mit der FJR 1300 in den Alpen

Die Krönung jeglichen Motorradfahrens liegt – nicht nur meiner Erfahrung nach – auf den Bergstraßen der Alpen. In diesem Sommer genieße ich das wieder in großen Zügen.

Hier folgen ein paar Bilder aus dem, was ich er-fahren durfte:

 

Das Timmelsjoch

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TJ2

TJ3

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Auf dem Jaufenpass

JP

 

Am Reschensee          (auf einer Fahrt über Österreich, Italien und die Schweiz)

Reschensee

 

Auf der Silvretta-Hochalpenstraße

Silvretta

 

Auf der Fahrt um den Großglockner / Großglockner-Hochalpenstraße

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GG8

 

Einfach WUNDERBAR!

 

 

 

 

Oster-Körper

„Sag – wie sieht man eigentlich im Himmel aus?“

fragte der Junge passend zum Ostertag, an dem er mit seiner Patentante zusammentraf.

„Nun“, die Patentante wollte eine möglichst biblisch fundierte Antwort geben, „da werden wir einen neuen Körper haben. Weißt Du, als Jesus auferstanden war, da hat ihn Maria erst gar nicht erkannt. Sie hielt ihn für einen Gärtner.“

„Cool“, sagte der Junge, „darauf freu ich mich. Ich wollte schon immer Gärtner werden!“

Die Neue …

So neu ist sie eigentlich gar nicht. Seit 5 Monaten macht sie mich schon glücklich. Aber jetzt bin ich so richtig mit ihr vertraut und freue mich, meinen Urlaub in den Alpen mit ihr zu verbringen.

Voilá:

Meine Neue!

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Ihr Name:
Yamaha FJR 1300

Ihr Geburtsjahr: 2006

Ihre Leistung: 144 PS bei 7.500 U/min

Besonderheiten: ABS, elektrisch verstellbare Scheibe, Heizgriffe, Kardanantrieb

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Perfektes Handling trotz ca. 270 Kg Gewicht, das ideale Bike für gemeinsame Touren mit meiner Frau in den Alpen. Noch einmal die alten Strecken nachfahren: Kaunertaler Gletscherstraße, Timmelsjoch, Jaufenpass, Kühtai, Silvretta Hochalpenstraße

Und dann die neuen: Stilfser Joch, Großglocknerhochalpenstraße, Richtung Davos und Bormio.

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Einfach genial, die Neue!

Es lebe das LEBEN, ich liebe das LEBEN!