Ungehaltene Predigt

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. 28 Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.                                                                                                                                           Markus 4,26-29

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich erinnere mich noch gut an den fröhlichen Streit mit einem Taufvater, der – kaum hatte ich das Wohnzimmer betreten – das Gespräch mit den Worten eröffnete, der Mensch als vernunftbegabtes Wesen könne doch nicht allen Ernstes glauben, dass es einen Gott gäbe. Wo der denn sei? Und wie ich ihn beweisen wolle…

Im Verlauf des Gespräches erfuhr ich, dass er als „moderner Mensch“ der Naturwissenschaft vertraute und seinen eigenen Fähigkeiten und vor allem allein seinem Verstand – was am Ende ja irgendwie dasselbe ist.

Wie weit reicht der Verstand? Ist er grenzenlos? Wir wissen doch eigentlich, dass es Sinne gibt außerhalb des Verstandes, die Kraft haben, die lebendig wirken, die auch eine Wahrheit sind:
Vertrauen.     Auch gegen den Augenschein

Intuition.        Auch wenn der Verstand etwas anderes sagt.

Hoffnung.

Vorstellungskraft.

Liebe.

Für mich zeigt sich, wie begrenzt der Verstand ist, wenn der Verstand diese Lebenskräfte Vertrauen, Intuition, Hoffnung, Vorstellungskraft, Liebe nicht ernst nimmt, sie ignoriert. Wenn er sich ausschließlich auf akademische Diskussion einlassen will – z.B. auch über Gott. So wie man über ein Pantoffeltierchen unterm Mikroskop redet.

Wenn Jesus von Gott erzählt, unterlässt er alles, was Gott zum bloßen Diskussionsbeitrag degradiert. Dazu überleg mal:

Wenn du von deiner Liebsten erzählst und was sie dir bedeutet, erzählst du dann ihr Alter, ihre Schuhgröße, ihr Gewicht und die Zensur ihres Abschlusszeugnisses? Bestimmt nicht! Vielmehr erzählst du doch das, was sie für dich ist, was sie in dir bewegt – und daran, wie du von ihr erzählst, wird jeder merken, wie eng Ihr beide miteinander verbunden seid.

So redet Jesus von Gott, vom „Reich Gottes“. Jesus erstattet nicht einfach einen Bericht über Gott, er legt keine Analyse Gottes vor, die seine Hörer prüfen könnten wie das Pantoffeltierchen unterm Mikroskop, und er bringt Gott auch nicht auf eine griffige Formel, mit der man jeder Frage den Mund stopfen könnte.

Jesus spricht auf seine Weise von Gott, von Gottes Reich – im Gleichnis. Z.B. in diesem Gleichnis von der selber wachsenden Saat. Nun könntet Ihr sagen: Warum denn im Gleichnis? Warum nicht direkt?

Wir dürfen davon ausgehen, dass Jesus die Menschen unbedingt  mit Gott verbinden wollte, so innig wie möglich. Darum wollte er gewiss kein Quiz veranstalten, wo die Hörer ein Rätsel lösen sollen. Und wer’s löst, hat bei Gott gewonnen, oder so… Nein. So funktioniert das nicht.

Es liegt daran: Gott ist ein Geheimnis. Es ist keine Flucht vor dem Verstand, wenn wir von Gott als Geheimnis reden. Es ist vielmehr – wie Johannes Hansen sagt – „die Anbetung Gottes und die Anerkennung der Grenze unseres Verstandes.“

Vielleicht kann man darum von Gottes Reich gar nicht anders reden als im Gleichnis. Weil Gott und sein Wirken geheimnisvoll geschehen. Wie in jenem wunderbaren Geheimnis von der selbstwachsenden Saat. Dieses Wunder eines keimenden Samenkorns entzieht sich dem rein analytischen Verstand. Der Verstand kann beschreiben, was geschieht und in welchen Zusammenhängen Wachsen und Gedeihen sich ereignen. Aber der Verstand kann nicht begründen, dass das Korn aufbricht und woher diese unglaublichen Schöpfungskräfte stammen, die das Korn über den Halm zur Ähre, dann zum vollen Weizen in der Ähre reifen lassen.

Wir wissen auch bestens Bescheid darüber, wie ein Menschenkind entsteht, wie es wächst im Mutterleib und dann zur Welt kommt – aber ist es nicht dennoch ein Wunder, wenn es geschieht?

Es gehört allerdings eine Haltung der Demut dazu und eine Haltung der Erwartung, um ein Geheimnis als Geheimnis zu erkennen und ein Wunder als ein Wunder. Der Zeitgenosse, der allein auf dem Thron seines Verstandes sitzt, der meint, alles zu wissen und darum nichts mehr erwartet, sieht gar nichts und bleibt immer nur bei sich selbst. Erstaunlicherweise gibt es gerade Wissenschaftler, die – je mehr sie entdecken und herausfinden über die Welt und das Leben – umso mehr staunen über das Wunder, über das Geheimnis in allem.

Das Geheimnis der Saat, die von selbst wächst, beschreibt das Geheimnis von Gottes Reich. „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft.“

Da steckt doch schon am Anfang so viel Evangelium drin! Gott sät; ER macht sich auf und sät; streut seine gute Saat weit und großzügig in unsere Welt. ER sät seine guten Gaben, seine guten Gedanken, sein gutes Wort, sein kritisches, fröhliches, störendes, tröstendes, liebevolles Wort, ER sät seine Güte – was du zum Leben brauchst und was zum Leben gut für dich ist, hat ER in dieses Leben ausgestreut.

Seinen Sohn gab er in unsere Welt, säte ihn in unsere Erde:
„Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt / Keim, der aus der Erde in den Morgen dringt. Liebe lebt auf,… Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün“ (EG 98,1)

Wohin Jesus kam, da war „Reich Gottes“: Wohin Jesus kam, da wuchs Vertrauen zum Leben, da blühten Menschen auf – wie im Gleichnis von der Saat – da gewann das fromme Wort „Heil“ eine zutiefst lebendige Bedeutung, weil es Menschen, die an Leib und Seele kaputt waren, wieder heil werden ließ. Und das geschieht seit nunmehr bald 2000 Jahren überall auf dieser Erde, wo Menschen mit diesem Gott und seinem Sohn leben.

  • Allein, dass wir heute morgen hier sind im Gottesdienst, dass wir singen, beten, Predigt hören, glauben wollen, allein das will ein Zeichen sein für die Kraft des Reiches Gottes;
  • Wo Vertrauen unter uns ist und Liebe und Hoffnung, die immer wieder für mehr als einen reichen und die Vorstellungskraft, wer wir als Gemeinde sind über alle Unterschiede hinweg und die Intuition aus unserem Glauben heraus, die uns anleitet, was zu tun ist.
  • wo Ihr Eltern und Großeltern Euren Kindern und Enkeln aus der Kinderbibel vorlest, wenn Ihr mit ihnen betet zum gütigen Gott, wenn sie an Euch etwas zu spüren bekommen von Jesus als dem großen Freund ihres Lebens, dann will darin etwas vom Reich Gottes unter Euch geschehen.
  • wo wir uns bei unserer kranken Nachbarin einfinden, uns zu ihr ans Bett setzen und der alten Frau zuhören und erleben dürfen, wie es uns beide reich macht; wo wir Geduld aufbringen für die Langsamkeit des alten Mannes, wo wir sie in unsere Gedanken lassen, in unsere Gebete, in unser Leben, wo wir einander mit Achtung begegnen – allen Menschen! Wo wir nicht mehr „unsere Werte“ verteidigen wollen, sondern Jesu Werte leben, dann wird darin gewiss etwas vom Reich Gottes sich unter uns ereignen;
  • wo unter Euch tröstende Worte gesprochen und gehört werden, wo Zeit geteilt und Freude weitergegeben und empfangen wird, wo das biblische Wort bewegt und überlegt wird, wo der Eifer für Gott nicht die Liebe zum Menschen opfert,… da wird etwas vom Reich Gottes unter uns geschehen.

Ich weiß – manches misslingt, etliches geht auch daneben, immer wieder mal findet unsere Mühe kein erfolgreiches Ende – es ist wie in jenem anderen Gleichnis Jesu, in dem der Bauer auch Samen aussät und einiges auf schlechten Boden, einiges auf Felsen, einiges unter die Dornen und vieles auf guten Boden fällt.

Vielleicht haben wir uns sehr um einen Menschen gemüht, dem wir Gott lieb machen wollten, und es erreichte ihn einfach nicht.

Was haben wir vielleicht nicht alles versucht, um uns mit unserem Streitgegner zu vertragen – aber es ist nicht gelungen.

Vielleicht sind wir auch skeptisch, ob das, was wir ausgesät haben, auch aufgehen wird:  Werden unsere Enkel, denen wir aus der Kinderbibel vorgelesen, mit denen wir gebetet haben, auch später noch von Gott hören wollen, beten, Gottesdienst feiern, glauben können? Werden meine Konfirmandinnen und Konfirmanden ihrem Versprechen treu bleiben, das sie in zwei Monaten hier ablegen werden?

Die Antwort aus dem Gleichnis auf diese Fragen heißt:  „der Same geht auf und wächst“, du weißt nicht wie. Und am Ende wird  gejubelt werden:  „Die Ernte ist da!“

Bevor wir angefangen haben / und wenn wir aufgehört haben, ist Gott immer schon und immer noch am Werk. Jener Sämann, nachdem er gesät hat, schläft und steht auf, Nacht und Tag. Ein heilvoller Rhythmus von Arbeit und Ruhe, von sich-anstrengen und einfach geschehen lassen. Das heilt uns, weil es uns vergewissert:

  • Es gibt Zeiten, da bin ich entbehrlich – auch als Christ
  • Es gibt Zeiten, da nicht alles hängt von mir ab – auch als Christ
  • Es gibt Zeiten, da darf ich einfach ruhig schlafen
  • es gibt Anfänge – zu Zeiten
  • und es gibt gottlob auch ein Ende – zu Zeiten

Gegen den Terror der Antreiber – oder gegen die eigenen Allmachtsphantasien – begreife ich: Gott gibt Zeit, es ist genug Zeit da, Gott wirkt auch wenn ich schlafe und nichts tun kann.

Vielleicht musst du glauben, dass der „Grund aller Dinge“ gut ist, um ihnen und dir selbst Zeit zu lassen. (Fulbert Steffensky) Der Grund aller Dinge ist gut, denn er ist Gott. Darum: Gott segne unser Tun und ER segne auch unser Lassen.

Amen.

Brief an Opa – zum Volkstrauertag

Lieber Opa Alfred! (1903 – 1971)

Wieder ist Volkstrauertag, ein Tag, wo unser Volk zum Mahnen und Gedenken aufgerufen ist. Zum Gedenken der Kriege und der Gewaltherrschaft, die von unserem Land ausgingen und in unserem Land mörderisch wüteten. Und des Unfriedens und Mordens auf unserer Welt. Ein Tag des Mahnens auch, dass wir uns einsetzen für den Frieden und für ein friedvolles Miteinander unter uns und unter den Völkern.

Ich habe Dich nur die ersten 10 Jahre meines Lebens gekannt. Das ist keine Lebenszeit, wo ein Enkel mit seinem Opa über Krieg und Gewaltherrschaft hätte diskutieren können. Umso mehr wünsche ich mir dich als Gesprächspartner für heute. Weißt du:
Ich habe einen guten Meter Literatur zum Nationalsozialismus, zum millionenfachen Mord an den Juden, zum 2. Weltkrieg, zu den Verbrechen der Polizei und der Wehrmacht in meinem Regal stehen und noch viel mehr gelesen, ich war im Konzentrationslager Buchenwald, habe Gedenktafeln und Gedenkbücher in allen Variationen gesehen, aber, Opa: Verstanden, mit meinem Herzen nachvollziehen können, habe ich bis heute nicht, wie das alles hat geschehen können, wie Menschen so furchtbare Grausamkeiten haben tun können. Du hast damals gelebt, Opa, du warst Soldat im Krieg, du warst in russischer Gefangenschaft: Was könntest Du mir sagen über damals? Und über dich damals?

Wann hast du erkannt, dass man dich und deine Kameraden belogen und betrogen hat? Dass man euch in Wahrheit an einem Verbrechen beteiligt hat?Ihr wart Soldaten in einem Angriffskrieg – und so ein grundloser Überfall auf ein anderes Volk, ein solcher Angriffskrieg, nicht wahr Opa Alfred: das ist doch ein Verbrechen, oder?

Ich versuche mir vorzustellen, was das für dich bedeutet haben muss, als Dir das aufging – für dich, der du ein so klares Verständnis von Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit hattest: dass man dein Verständnis von Treue und Gehorsam so missbraucht hat.

Hast du schlafen können, Opa, mit den Bildern des Sterbens und des Tötens vor Augen? Musstest du auch Briefe schreiben an die Familien getöteter Kameraden? „Heldenhaft gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ – hast du das auch geschrieben? Und wenn – wie lange hast du das selber geglaubt, was du da geschrieben hast? Hättest vielleicht irgendwann am liebsten geschrieben: „getötet worden von dem krankhaften Größenwahnsinn eines mörderischen Rassisten und allen, die ihm nachgelaufen sind“.

Vielleicht hast du auch ab und zu an die denken müssen, die du und deine Kameraden getötet haben – haben sie dich manchmal in deinen Träumen verfolgt? Dass sie ja auch Ehefrauen hatten und Kinder, dass sie Menschen waren wie ihr, die lachten und weinten, die gesungen und getanzt, geliebt und gelitten haben – wie Ihr?

Lieber Opa Alfred, ich ahne, was der Krieg dir angetan hat. Als gut 6-jähriger Junge habe ich zum ersten Mal deine Verwundungen gesehen, von deinem Soldatsein gehört – aber ich konnte dich nie als den großen Abenteurer oder Helden sehen, wie ich sie bei Karl May begeistert gelesen hatte. Nein, was ich hörte, hat mir große Angst gemacht. Ich fürchtete mich, mir vorzustellen, was du im Krieg erlebt hast – und auch, was du da vielleicht getan hast.

Opa, wie hast du dich selber gesehen, dich und deine Kameraden: als Opfer? Opfer des Krieges, der Nazis, der Russen, des Schicksals? Oder hast du dich auch als Täter gesehen?

Vielleicht hättest du mir jetzt etwas erzählen können, wie sehr die menschliche Seele verletzt, verkrümmt wird durch den Krieg. Wie der Krieg mit seinen Schrecken und seinen Grausamkeiten einen Menschen verrohen lassen kann und sein Menschsein verloren geht. Opa, ich würde das aushalten wollen, wenn du mir das erzähltest, was du getan hast. Weil ich verstehen will.

Lieber Opa, gerne hätte ich mit Dir gesprochen über die Verführbarkeit des Menschen. Wie wir immer wieder blind und zugleich lustvoll den Rattenfängern hinterherlaufen, die uns ins Verderben führen. Und reden würde ich gerne mit dir über die vielen kleinen Schergen des Terrors, über die Denunzianten im heuchlerischen Gewand „ehrbarer Bürger“, über die Hetzer und Petzen, die alle sich an der Macht berauschten, ihren Nachbarn und Mitbürgern zu drohen, sie zu erpressen, sie einzuschüchtern und dann ans Messer zu liefern. Über die Blockwarte, über die hinterhältigen Amtsdiener, jeder ein eigener Diktator in seinem Büro, die noch für jede Widerwärtigkeit eine eloquente Formulierung fanden, um ihrem boshaften und bösen Tun einen Schein des Rechts zu geben.

„Halt!“ höre ich Dich in Gedanken sagen. „Ist das denn heute so sehr anders als damals? Gewiss gedeiht diese üble Sorte Mensch am besten in einer Diktatur. Aber gibt es diese Brunnenvergifter nicht auch heute und auch in deinem Ort und deiner Stadt? Die als Nachbarn Nachbarschaft vernichten durch ihr faules Gerede. Die als Beamte besonders gerne Asylbewerber ihre Macht spüren lassen. Die als Vorgesetzte ihre Frustrationen an ausländischen Hilfskräften abreagieren. Die als Stammtisch-Parolisten  und auf den Straßen mit der Reichskriegsflagge unverhohlen ihre Sympathie für Nazis und was sie getan haben, ausdrücken. Für die immer die Fremden an allem schuld sind. Gibt es die nicht auch bei euch hier und heute?“

Vielleicht würdest Du, Opa, jetzt mahnen, dass es meine, nein, unsere Aufgabe ist und immer unsere Aufgabe bleiben wird, allen diesen … Gestalten und ihrem Treiben mutig und klar und entschlossen entgegenzutreten, wenn wir denn den Frieden wirklich wollen – nicht nur als Rede an diesem Volkstrauertag. Nicht nur in dem großartigen Widerstand am vergangenen Samstag in Bielefeld, sondern auch in unseren Familien, bei Freunden und Kollegen, da, wo es auch mal wirklich schwer fällt, mutig und entschlossen dem Hetzen und dem Hass entgegenzutreten.

Du hast den Krieg überlebt, Opa Alfred. Dein Name steht also auf keinem Weltkriegsmahnmal, obwohl ich heute auch deiner gedenken möchte. Deiner Verletzungen, die du mit heimgebracht hast, Verletzungen an Leib und Seele. Deiner schweren Zeit im Krieg. Und auch der Menschen, die wegen dir gestorben sind, will ich mit dir gedenken.

Du hast dich für die Witwen deiner gefallenen Kameraden eingesetzt: dass sie ihre, wenn auch kleine, Kriegerwitwen-Rente bekamen. An wie vielen Tischen du wohl gesessen hast und mit diesen Opfern des Krieges gesprochen, was mögen sie dir alles erzählt haben …?

Als Vorsitzender im Reichsbund hast du unzählige Formulare für sie ausgefüllt, ihnen beim Widerspruch geholfen, wenn der Staat seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommen wollte, damit sie versorgt wurden.

Und vielleicht ist das immer noch der beste Dienst zum Frieden: Dass wir denen, die unsere Hilfe brauchen, zur Seite stehen. Und dass das gerade die Schwachen und Stummen und Fremden in unserer Mitte sind. Und so dann auch dieser Volkstrauertag konkret wird und Sinn macht.

Du bist schon so lange tot, Opa Alfred. So lange, dass dein Name auf keinem Grabstein mehr steht. Aber du bist auch ohne Grabstein nicht vergessen. Und selbst wenn meine Generation einmal nicht mehr da ist, um uns an dich zu erinnern, dann wird dein Gedenken immer noch aufgehoben sein bei unserem Gott.

Wie das Gedenken aller, die einmal Feinde waren und Täter und Opfer.

Alle aufgehoben in SEINEM Gedenken.

Wenn SCHALOM ist

Predigt am 29. September 2019

72 Jünger hatte Jesus ausgesandt, um zu verkündigen, dass Gottes Herrschaft nahe herbeigekommen sei. Und sie sollten auch sichtbar machen, dass Gottes Macht größer ist als alles Böse und alles Leid – indem sie kranke Menschen heilen sollten. Was für ein Auftrag!
Dann kommen sie zurück zu ihrem Herrn Jesus – und davon erzählt unser Predigttext

Lukas 10, 17-20

Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr,
auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.
18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen
Blitz.
19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione,
und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.
20 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut
euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Den Rollifahrer neben mir hatte ich gar nicht bemerkt. Wir waren im Lokschuppen zum Rudelsingen. Da stehst du zum Singen auf und setzt dich zwischendurch immer wieder hin. In einer dieser kurzen Pausen sprach er mich an:
„Hey, ich bin zum ersten Mal hier. Das macht ja richtig Spaß!“

Wir kamen ins Plaudern. In jeder der kurzen Pausen. Eigentlich war tagsüber mein Gemüt viel zu trübe gewesen, um singen zu gehen, aber jetzt fühlte sich das wie mit Flügeln an mit dem Rolli – „Ich heiße Torsten“ – an meiner Seite. Dann fragte er, weil das doch so ein toller Rhythmus sei, wolle er sich gerne hinstellen und ob er sich wohl auf meine Schulter stützen dürfe. Gerne. Und wir beide schunkelten zu dem alten Freundschaftssong „Those were the days my friend“. Und es fühlte sich sehr gut an.

Mir fiel auf, dass die Leute um uns herum uns immer wieder freundlich ansahen, uns ermunternd zulächelten, den Daumen hoben. Dieses warme, fröhliche, leichte Gefühl, das mich zu erfüllen begann – und Torsten sicher auch – schien sich in unseren Stuhlreihen auszubreiten.

Unwillkürlich erinnerte ich mich an das Lied

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise. / Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. / Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, / da wird die Welt vom Licht erhellt, da bleibt nichts, was und trennt

Und dann, zum letzten Lied des Abends, wagte ich es, ihn anzusprechen: „Hey, Torsten, noch einmal gemeinsam?“ Und er stemmte sich in seinem Rollstuhl hoch, stützte sich auf mich, und Arm in Arm sangen wir „What a wonderful world“. Und sollten tatsächlich zuvor irgendwelche Dämonen in hässlichen Gedanken oder dunklen Gefühlen unter uns gewesen sein – nun waren sie vertrieben. So muss sich der Schalom Gottes anfühlen, wenn alles gut und im Frieden ist und nichts fehlt. Wirklich „What a wonderful world“!

Wenn die 72 Jünger damals so etwas erlebt haben sollten, dann kann ich ihre übergroße Freude darüber gut nachvollziehen. Wenn wir die Kraft Jesu und die Macht von Gottes Schalom erfahren dürfen, dann bleibt nichts anderes als große, pure Freude. Man möchte die 72 fast beneiden …

Wieso überhaupt 72? Gute Güte, das sind ja ganz schön viele! Wir wissen, dass es den Kreis der 12 Jünger gab. Aber 72?

Damals stellten sich die Leute vor, dass es 72 nichtjüdische Völker auf der Welt gibt. Und die sollen nun alle von Jesu Evangelium erfahren. Alle! Alle Welt! Und darum will Jesus dafür auch alle Christenleute brauchen, auch jeden von uns hier: „Geht zu  allen Völkern dieser Welt…“ Gehen, nicht sitzenbleiben. Zu Jesus zu gehören, Christ zu sein, das endet nicht am Sonntagmittag in der Kirchenbank. Kirche ist nicht Kino oder Theater, wo wir Zuschauer bleiben und anschließend das, was wir erlebt haben, bewerten:
„war toll, war langweilig, hat mir gefallen, ich komme wieder, kein Wunder, dass so viele aus der Kirche austreten“. Nein, ein Christ ist kein Zuschauer. Der Besuch des Gottesdienstes ist für uns Christenleute die Oase zum Kraftschöpfen – wie das Hinsetzen beim Singen. Aber dann stehen wir wieder auf, auch wenn es schwer fällt. Stehen wir auf wie – mein Rollifahrer Torsten. Der aufgestanden ist, auch wenn es schwer fiel.  Weil er sich da lebendig fühlte. Und weil er mich damit anstecken konnte.

Wie geht man zu allen Völkern dieser Welt? Wie zeigt man den Menschen, dass sie wertvoll sind, dass sie nicht alleingelassen sind, dass sie geliebt werden, dass Gott sie gewollt hat und es gut mit ihnen meint? Wie macht man das? Ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass ich Euch das wirklich erklären muss. Aber Beispiele kann ich geben:
Die Frau, von der ich las, dass sie mit selbstgebackenem Kuchen zu jedem ihrer Nachbarn gegangen ist. Und welche Nähe, welche Gemeinschaft sich aus solcher Güte entwickelte. Christel, die Krankenschwester gelernt hat und jetzt Sterbende im Hospiz liebevoll begleitet. Der bärtige Alte, der seinen Freund im Rollstuhl durchs Dorf schiebt. Ein Schlaganfall kann Freunde nicht trennen. Pia, die einen Mitschüler, der mit Kirche nichts am Hut hatte, zum „Punkt6“-Gottesdienst einlud – und die Jugendlichen, die diesen Gottesdienst vorbereiten und feiern, sehen ihn von nun an jeden Monat wiederkommen. Charlott, die mit 5 Jahren zum Kinderbibelfrühstück kam und jetzt voller Begeisterung für den Glauben ist und die nun Hebräisch lernt, weil sie unbedingt Pastorin werden will.

Wenn die 72 Jünger damals so etwas erlebt haben sollten, dann kann ich ihre übergroße Freude darüber gut nachvollziehen. Wenn wir die Kraft Jesu und die Macht von Gottes Schalom erfahren dürfen, dann bleibt nichts anderes als große, pure Freude. Könnten wir diesen Freude nur behalten…

„Siehe, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione“ sagt Jesus. Schlangen und Skorpione? Sehr gefährlich! Oh Jesus, da fallen mir einige ein:

Die unter uns, die mit geradezu unverschämter Dreistigkeit ganz offen über Flüchtlinge und Menschen anderer Hautfarbe herziehen. Schäbige, ja mörderische Witze über jene, die aus purer Not zu uns gekommen sind, werden gehässig ohne jede Scham unter uns erzählt. Und man lacht schallend dazu. Ich bin erstaunt, wer da alles mitmacht… Man nennt sich dabei „besorgter Bürger“ oder einfach „Patriot“.

Schwestern und Brüder – Muss man das in einer Predigt extra noch laut sagen, dass solches Handeln das Gegenteil vom Evangelium ist? Dass Glaube und Hass, Christus und Rassismus, Menschenverachtung und Gottesliebe nicht zusammen gehen?!

„Der Satan“, so sagt Jesus, das Böse „ist vom Himmel gestürzt“. Gebt Ihr ihm doch nicht die Macht, die ihm nicht mehr zusteht!! Also wo sind unsere Stimmen, die Einspruch erheben, wenn rassistisch gespottet wird unter uns, die Stimmen, die es klar aussprechen, wenn in unseren Familien menschenverachtende Witze erzählt werden, wenn man dort gegen unsere Menschengeschwister hetzt, wie ein Politiker über eine andere Politikerin sagte, man solle „sie in Anatolien entsorgen“.

Dem Hass und der Gewalt nicht nachgeben, ihnen nicht den Platz überlassen unter uns, nicht die Macht geben. GOTT die Macht geben, SEINEM Frieden, seinem SCHALOM, wie ich ihn am Anfang beschrieben habe. Ist das nicht lohnend? Ist es das nicht wert, liebe Christengeschwister? –

In unserer Jöllenbecker Marienkirche findet man auf den alten Kirchenbänken kleine Messingschildchen. Da sind in alter Schrift Namen aufgeschrieben. Hier hatte zu alter Zeit ein ganz bestimmter Mensch seinen festen Platz. Der war nur für ihn. Keiner konnte ihm den wegnehmen. Sein Name sicherte ihm diesen Platz in der Kirchenbank.

In der Bibel lesen wir, dass Gott sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ „Ich habe dich gewollt. Du gehörst zu mir“. Seit Deiner Taufe hast Du bei Gott einen festen Platz. Da steht unwiderruflich dein Name! Darum kann kein Mensch und keine Macht der Welt dir diesen Platz wieder wegnehmen.

Und was immer uns gelingt in Jesu Namen und wo immer wir dabei auch versagen, wo wir hier und da den Schalom Gottes erleben dürfen und auch dann, wenn es dunkel wird um uns – der Himmel ist für uns bereitet:

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der andern eine Grube gräbt

Wenn ihr mit euren Familienangehörigen und Verwandten an der Grube eintrefft, bin ich wieder in meinem Häuschen oben auf der Kuppe des Friedhofs.

Den großen Erdhaufen habe ich diskret unter einer künstlichen Grasdecke versteckt. Sieht ein bisschen so aus, als schäme er sich, den Ankommenden in nackter Offenheit zu entblößen, dass er am Ende allen Abschiednehmens, aller Worte, Blumen und Tränen schließlich doch alles Sterbliche unter sich begraben wird.

72757_original_R_K_B_by_Alipictures_pixelio.deAlipictures/pixelio.de

Irgendwann komme ich dann wieder mit meiner Schaufel. Es ist ruhig hier unten zwischen den hohen Bäumen. Da oben zwitschert eine Amsel freche Vogellieder und singt vom Leben und grüßt die Sonne zur Mittagszeit.

Und ich beginne, die Erde in die Grube zu schaufeln, ein Wurf nach dem anderen.
Am Anfang poltert es etwas, wir haben Lehmboden auf unserem Friedhof. Dann aber höre ich den friedlich-satt klingenden Ton von Erde, die auf Erde fällt. Es fühlt sich gut an, das Schaufeln, es fühlt sich richtig an, wie ich hier gebückt stehe und Schaufel auf Schaufel schweren Boden in die Grube werfe.

Ich bin im Schatten eines Friedhofes aufgewachsen, weit weg von hier. Totengräber nannten die Erwachsenen die Männer, die die Gräber aushoben. „Totengräber! Totengräber!“ riefen wir Kinder über die Hecke, die unser Grundstück von ihrem Arbeitsplatz  trennte. Die Männer arbeiteten stoisch weiter, sie reagierten nicht auf unsere Rufe. Ihr Tun wirkte konzentriert, sie schienen mit Bedacht zu graben. Ab und zu hielt einer von ihnen inne, zog ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich Stirn und Nacken ab. Sie sprachen nicht während ihrer Arbeit. Ihr Reden verstummte, sobald sie ihre Arbeit begannen und wurde erst wieder aufgenommen, wenn sie sich von der ausgehobenen Grube entfernten.

Der Tod machte uns Kindern keine Angst. Dazu war er uns zu fremd. „Totengräber“ zu rufen, das hatte etwas Gruseliges an sich, das uns kurz wohlig schaudern ließ, mehr nicht. Indem wir „Totengräber!“ riefen, bemächtigten wir uns des Grusels. Es war für uns nichts anderes als das Schaudern, das wir auf dem Rummel für 50 Pfennig in einer Geisterbahn erfuhren. Am Ende kommst Du unbeschadet raus und fühlst dich als Bezwinger aller Angst.

Ich bin Gärtner. Ich pflege nicht die Toten, ich pflege die Gräber. – Anders jener Mann, der mich vom Fahrrad aus freundlich grüßte, auf seine Harke zeigte und mir fröhlich zurief, er müsse nur noch kurz Oma „kämmen“-

Aber ich bin auch ein Gräber. Und ich bin es gerne. Ich hebe eine Grube aus. Wenn die Grube ihren Zweck erfüllt hat, schaufele ich die Erde wieder in die Grube hinein. Die Erde ist Mutter, sie nimmt uns am Ende wieder in ihren Schoß.

„Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden“, sagt der Pastor.

Ich bin einverstanden.

Mit der FJR 1300 in den Alpen

Die Krönung jeglichen Motorradfahrens liegt – nicht nur meiner Erfahrung nach – auf den Bergstraßen der Alpen. In diesem Sommer genieße ich das wieder in großen Zügen.

Hier folgen ein paar Bilder aus dem, was ich er-fahren durfte:

 

Das Timmelsjoch

TJ1

TJ2

TJ3

?

 

Auf dem Jaufenpass

JP

 

Am Reschensee          (auf einer Fahrt über Österreich, Italien und die Schweiz)

Reschensee

 

Auf der Silvretta-Hochalpenstraße

Silvretta

 

Auf der Fahrt um den Großglockner / Großglockner-Hochalpenstraße

GG1GG5GG2GG4GG6GG7

GG8

 

Einfach WUNDERBAR!

 

 

 

 

Oster-Körper

„Sag – wie sieht man eigentlich im Himmel aus?“

fragte der Junge passend zum Ostertag, an dem er mit seiner Patentante zusammentraf.

„Nun“, die Patentante wollte eine möglichst biblisch fundierte Antwort geben, „da werden wir einen neuen Körper haben. Weißt Du, als Jesus auferstanden war, da hat ihn Maria erst gar nicht erkannt. Sie hielt ihn für einen Gärtner.“

„Cool“, sagte der Junge, „darauf freu ich mich. Ich wollte schon immer Gärtner werden!“

Die Neue …

So neu ist sie eigentlich gar nicht. Seit 5 Monaten macht sie mich schon glücklich. Aber jetzt bin ich so richtig mit ihr vertraut und freue mich, meinen Urlaub in den Alpen mit ihr zu verbringen.

Voilá:

Meine Neue!

20170916_125702

Ihr Name:
Yamaha FJR 1300

Ihr Geburtsjahr: 2006

Ihre Leistung: 144 PS bei 7.500 U/min

Besonderheiten: ABS, elektrisch verstellbare Scheibe, Heizgriffe, Kardanantrieb

20170916_125655

 

Perfektes Handling trotz ca. 270 Kg Gewicht, das ideale Bike für gemeinsame Touren mit meiner Frau in den Alpen. Noch einmal die alten Strecken nachfahren: Kaunertaler Gletscherstraße, Timmelsjoch, Jaufenpass, Kühtai, Silvretta Hochalpenstraße

Und dann die neuen: Stilfser Joch, Großglocknerhochalpenstraße, Richtung Davos und Bormio.

20170916_125727

Einfach genial, die Neue!

Es lebe das LEBEN, ich liebe das LEBEN!

Beten – Loslassen

Jemand schenkte mir ein Buch über das Beten.

Auf dem Cover des Buches war – aus der Vogelperspektive – ein Betender zu erkennen. Seine Hände lagen geöffnet mit den Handrücken auf seinen Knien. Ich habe das genauso probiert.

Nach einer Minute tat mein Handgelenk weh. Nach drei Minuten beendete ich diese Haltung. Meine Hände formten sich automatisch zu einer Faust.

Ich sah: jemanden, der seine Dinge im Griff haben will. Doch: was ist das für ein Beten, wo ich selber meine Dinge im Griff halten will? –

Wir haben gerne das, was wir unser Leben nennen, im Griff. Den Tag und die Nacht. Unsere Entscheidungen. Unsere Pläne sollen aufgehen. Die Weichen, die wir – vielleicht unter vielen Mühen! – gestellt haben, sollen unsere Wege garantieren.

Intuitiv möchten wir auch das unter Kontrolle haben, was außerhalb unserer Möglichkeiten liegt: Vom Wetter über die Gesundheit bis hin zu den Entscheidungen anderer, vor allem, wenn diese uns persönlich betreffen.

Wenn es nicht so kommt wie gewollt, wenn wir entdecken müssen, wie hilflos wir sind, sind wir getroffen: Im harmlosesten Fall schütteln wir den Kopf, eventuell ärgern wir uns auch. Aber wenn es uns ganz schlimm getroffen hat, sind die Schmerzen schier unerträglich. ‚Warum hat sie mir so weh getan?‘ ‚Wie konnte er mir das antun?‘

Wenn es aus dem Hinterhalt kommt, wenn wir nicht vorbereitet sind, wenn das Leben, wie wir es kannten und wünschten, explodiert, implodiert, zerfällt, wenn es stirbt wie in einer Hinrichtung…

Kann es auferstehen?

Wenn – dann nicht so wie es war. Aber eben das ist uns fremd, eben das macht uns Angst, eben das können wir uns nicht vorstellen, wollen es darum vielleicht um keinen Preis. Wir halten dann sogar unseren Schmerz fest, weil er vielleicht das Einzige ist, das uns mit unserem alten vertrauten Leben verbindet. Das Warten und das Hoffen auf das Neue, das Zweifeln und das Bangen und der alte Schmerz, sie sind manchmal so schwer zu tragen.

Irgendwann begann ich, in mir aufzunehmen, dass dies mit den geöffneten Händen gemeint ist. Wenn ich bete, greife ich nicht zu, ich halte nicht fest, ich beginne loszulassen, ich lasse mich fallen: „Ich aber, HERR, hoffe auf dich!“ (Psalm 31,15) Auferstehung zu einem neuen und anderen Leben.

Ich weiß nicht, wie lange es bei dir dauert, es mag länger dauern wie bei mir, aber die Hoffnung lässt sich irgendwann nicht mehr vertreiben.

So bin ich aus tiefdunklen Zeiten „auferstanden“ zu einem anderen Leben. Klarer, beherzter und etwas weniger verwundbar.

„Ich aber, HERR, hoffe auf dich, du bist mein Gott!“

P.S.: Ich habe gerade in einem kleinen Laden in Limveg (Dänemark) ein Schild gesehen mit einer Aussage, die den Schmerz nicht ignorieren will, aber auf eine Perspektive hinweist, die der Schmerz allein nicht sehen kann:

celebrate-grow.jpg

 

Kinder-Kirche

Predigt am 27.8.2017

„Ich habe nichts gegen den lieben Gott“, stellte mein Gegenüber fest. „Aber sein Bodenpersonal, die Kirche, lässt doch sehr zu wünschen übrig!“

Die Kirche – wen genau meinte er damit? Seinen Worten entnahm ich, es seien wohl in erster Linie wir Talarträger, aber nicht alle. Dazu irgendwie auch die Kirchliche Verwaltung und die Kirchenjuristen, und von dem Ärgernis der Kirchensteuer drang etwas an mein Ohr, obwohl, natürlich, die Kirche auch Geld brauche, na und schließlich auch „irgendwie“ die Gottesdienste. „Irgendwie“ Kirche.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“. Beneidenswerte Kinder. Sie wissen also, was Kirche ist. Behauptet Luther. Im Unterschied zu meinem Gesprächspartner, bei dem alles – reichlich nebulös – nur „irgendwie“ mit Kirche zu tun hatte.

Ich gestehe, nun war ich neugierig geworden, wie das mit den Kindern und ihrem Wissen über Kirche ist. Und als Mats und Jan Ole wegen irgendwas anderem an meiner Haustür schellten, bat ich sie von der Straße direkt in mein Dienstzimmer und befragte sie.Die hatten ziemlich klare Vorstellungen davon, was Kirche ist. Weil sie aber schon elf waren, vermittelten sie mir ein Gespräch mit Vicky, Theresa und Ida, die sind sieben! (Und Max musste erstmal zuhören, weil er schon acht ist!)  :))

Was wissen denn Siebenjährige von der Kirche? Hört selbst, was die drei Mädels sagten:

  • „Die Kirche ist Gottes Haus.
  • Da sind viele Bänke drin für viele Leute, die feiern da Gottesdienst. Gottesdienst ist für alle Leute, für die jungen und für die alten. Gottesdienst macht Spaß.
  • Bei der Kirche waren wir schon im Kinderbibelfrühstück.
  • Das Krippenspiel zu Weihnachten gehört auch dazu.
  • Eigentlich gibt es viele Veranstaltungen in der Kirche, die Spaß machen!
  • Da kann man was lernen und viele tolle Sachen erleben.“

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Luther und fügt hinzu: „nämlich die heiligen Gläubigen und ‚die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören‘ (Johannes 10,3)“. Und da haben wir schon die Mitte von allem,die das Ganze, was wir Kirche nennen, zusammenhält: Die Stimme des Hirten. Jesus Christus. Und dass wir sie hören. Und hören heißt nicht hören, wie wir irgendein Geräusch aus dem Bad oder von der Straße hören, sondern hören heißt: aufmerksam zuhören und der Stimme folgen, was sie uns sagt und wohin sie uns führt.

Das nämlich haben diese von uns Menschen oft veralberten Herdentiere uns voraus:
Sie wissen, auf welche Stimme sie hören müssen, um auf der sicheren Seite zu sein. Sie wissen: wohin der Hirte sie führt, ist gute Weide, da ist das Leben ein erfülltes Leben.

Ich habe den Kindern dann ein Bild gezeigt. Eines von diesen – in meinen Augen – kitschigen Bildern aus dem 19. Jahrhundert, wie sie früher im Schlafzimmer über den Betten meiner Großeltern hingen: Ein Hirte mit einem Schäfchen auf dem Arm und weiteren Schafen um sich herum. Die Kinder fanden das Bild überhaupt nicht kitschig, sondern bestätigten, dass Jesus so sei: Liebevoll und ein Helfer für jeden von uns, für die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen, und dass ohne Jesus die Kirche nicht Kirche sei. Und dass es gut sei, zu Jesus zu gehören.

„Denn es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei“, schreibt Martin Luther. Die Erwachsenen damals, als Luther diese Worte schrieb, waren sich schon lange nicht mehr einig darüber, was denn die Kirche sei. Bereits im nächsten Satz wettert der erboste Reformator gegen die platten Chorhemden, die langen Röcke und allerlei Zeremonien, die über die Bibel hinaus erdichtet seien.

Im Unterricht frage ich meine Konfis, auf was die Kirche verzichten kann und auf was die Kirche nicht verzichten darf, wenn sie weiterhin Kirche sein will. Und dann beginnt durch die Konfis das große Aufräumen: Kirchengebäude? – brauchen wir nicht, man kann auch anderswo Gottesdienst feiern. In einem Haus, in einer Scheune. Orgelspieler? – kann weg, singen geht auch ohne Instrument. Gemeindehaus? – schön, wenn man eins hat, aber nicht notwendig, um Kirche zu sein. Konfirmation? – schade um die Feier und das Geld, aber notwendig, nein notwendig für Kirche sei die Konfirmation nicht. Selbst den Pastor warfen sie nach – erschreckend! – kurzer Diskussion raus: wichtiger sei die Bibel, und in der könnte ja jeder lesen.

Und was bleibt übrig? Was macht das Leben in Kirche aus? Die Konfis sagen: Zusammen kommen, Gemeinde sein, die Bibel, in der Bibel von Gott lesen und hören, beten, taufen. Vor allem aber der Glaube an Jesus. Wenn eines davon aufgegeben wird, ist die Kirche nicht mehr Kirche. So lautet das abschließende Statement meiner Konfis.

Wer oder was ist die Kirche? Wir neigen dazu, Grenzen zu ziehen, auch in der Kirche. Wer dazu gehört und wer nicht. Wer anders glaubt als wir, gehört er zur Kirche? Wer Homosexualität nicht für Sünde hält, sondern an die Liebe – egal in welcher Weise – glaubt, gehört der zur Kirche? Wer die Tradition wertschätzt und erhalten will, gehört der zur Kirche? Wer aus der Körperschaft öffentlichen Rechts „Kirche“ ausgetreten ist, gehört der noch zur Kirche? Wer anständig lebt, gehört der zur Kirche? Wessen Weste seit Jahren nicht mehr weiß ist, gehört der zu Kirche?  Und … und … und …

Wir erkennen jetzt vielleicht und hoffentlich, dass unsere Maßstäbe uns letztlich nicht sagen können, wer die Kirche ist. Nicht nur Martin Luther sprach von der Kirche als von einem „corpus permixtum“, ein durchgemischter Leib – und da könnten Leute zugehören, die wir da nie erwartet hätten. Und umgekehrt…

Die Siebenjährigen interessierte diese Frage gar nicht. Sie unterschieden nicht, wer dazu gehören könnte und wer nicht. Sie finden einfach toll, „dass man da zusammen ist mit ganz vielen Leuten“ und „dass da ganz viele Leute sind, die zusammenhalten und zusammen arbeiten“. Die Kinder gehen einfach davon aus, dass Kirche da ist. Und Jesus mittendrin. Genau so, wie Martin Luther dann hinzufügt:
„Also beten die Kinder: ‚Ich glaube an eine heilige christliche Kirche'“.

Ich kannte einen engagierten christlichen Sozialarbeiter, ein klasse Typ. Aber wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprachen und an die Stelle kamen, wo wir sagen: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche“, da verstummte er regelmäßig. „Das kann ich nicht mitsprechen“, sagte er. „Ich habe so viel Scheiß in der Kirche erlebt, für mich ist die nicht heilig!“

Sind wir eine heilige Kirche?
Wenn es von uns abhinge, mit Sicherheit nicht!
Wir machen die Kirche nicht heilig! Aber wer denn dann?

Kurz zuvor bekennen wir ja im Glaubensbekenntnis „Ich glaube an den Heiligen Geist“. Der macht die Kirche heilig. Und heilig – das ist nicht dasselbe wie ‚wohlanständig‘, fehlerlos und ohne Schuld.

„Heilig“ heißt alles, was zu Gott gehört, was sein ist. Wir werden wohl nie begreifen, was Gott an uns Menschen findet, aber für ihn sind wir seine Kinder. Geschwister seines Sohnes. Und der Heilige Geist wirkt immer und immer weiter daran, dass wir uns bewusst werden, dass wir wirklich Gottes Kinder, dass wir durch Gott heilig sind. Der Heilige Geist zieht uns und schiebt uns. Zärtlich und mächtig. Er liebt und lockt uns hinein in dieses wunderbare Geheimnis, dass wir heilige christliche Kirche sind: weltweit, ohne unsere Grenzen, egal welcher Bezirk, egal, welches Land, egal, welche Kultur, egal, welche Konfession, egal, welche Frömmigkeit.

Suchen sollen wir sie, die heilige christliche Kirche – weil sie schon da ist. Finden können wir sie, weil sie uns umgibt. Erfahren werden wir sie, wo wir durch die Kraft des Heiligen Geistes immer tiefer in sie hineinwachsen, weil wir dem Heiligen Geist vertrauen und aus Gottes inniger Liebe zu uns durch Christus leben und lieben.

„Darf ich dazu noch ein Lied vorsingen, dass ich aus dem Religionsunterricht kenne“, fragt am Ende meines Besuches Max, der es kaum noch aushält, still zu sein.

Und weil dieses Danklied  das ausdrückt, was uns auch Kirche sein lässt und als Christengemeinde erhält und uns verbindet, sage ich es Euch am Ende meiner Predigt:

„Gott dafür will ich dir Danke sagen, dass du in guten, in schlechten Tagen neben mir stehst und mit mir gehst, dich selbst mir gibst, weil du mich liebst, ohne zu fragen, mit meinem Lied will ich danke sagen.“

Freiheit

Predigt am 23. Juli 2017 im Gottesdienst auf dem Bauernhof Kleimann

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit – ich habe in meinem Urlaub reichlich davon spüren können:

Mit dem Motorrad geschmeidig über die Alpenstraßen unterwegs, am Timmelsjoch und der Silvretta bei offenem Visier den Duft der Alpengräser in der Nase, geschmeidig über den Jaufenpass und das Hahntennjoch schwingen, die hohen Berge direkt neben dir und den weiten Himmel über dir. „Freiheit hat 2 Räder“ hat jemand gesagt.

Spürt ihr nicht auch etwas von dieser Weite, dieser Freiheit, heute Morgen?
Wie wir alle hier versammelt sind – aus unseren drei Gemeindebezirken alle zusammengekommen, keine Grenzen, die uns trennen, gemeinsamer Gottesdienst für alle und mit allen, hier auf dem offenen Land, auf der Deele, wo die Schwalben ein und aus fliegen und uns so die Weite Gottes verkündigen, wo das Muh und das Mäh zusammen mit dem Posaunenklang und unseren Liedern Gott loben will.

Freiheit.

Manch einer hat jetzt Urlaub, frei von den Pflichten des Berufes, frei vom Rumgemäkel des Chefs, frei von Lehrern, von der Angst vor der nächsten Klausur, raus aus dem engen Korsett des Alltags, ich bin so frei!

Und vielleicht streift dich ja ein Gedanke an Gott und du entdeckst: Das ist ja sein Geschenk! Diese freie Zeit, dieser freie Tag. Ich darf ich sein, Frieden in mir und Lust aufs Leben, blicke auf, sehe den blauen Himmel und die Schäfchenwölkchen, rieche den Sommer und spüre den Wind auf meiner Haut.

Freiheit hautnah.

„Alles ist mir erlaubt!“ schreibt Paulus. Und er meint das auch so. Für jeden von uns Christenleuten. Wer zu Christus gehört, hört: „Ich habe dich erlöst, du gehörst zu mir!“ Also: Kein Staat hat ein Recht auf dein Leben! Kein Trend, keine Meinung (nicht die der Freundin und nicht die des Pastors) haben ein Recht darauf, dass du dich widerspruchslos anpasst! Keine Menschen, keine Konventionen, keine sogenannten ehernen Gesetzmäßigkeiten sollen wir als Herren über uns zulassen! „Alles ist mir erlaubt.“

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!“

Es war wie so oft. Auf einer meiner Motorradtouren machte ich eine Pause in einem kleinen Dorf. Ein Tässchen Kaffee, ein beschaulicher Blick auf das wunderschöne Bergpanorama. Plötzlich ein Höllenlärm! Acht, zehn, zwölf Motorräder, gefühlt jedes zweite ohne Schalldämpfer im Auspuffrohr, donnern vorbei. Und das dann immer wieder.

„Alles ist mir erlaubt“?? „Ich bin so frei“?? Ich glaube nicht, dass die Leute aus dem kleinen Bergdorf diese Art von Freiheit besonders gut finden…

So ist das. Mein Freiheitsdrang stößt mit dem Leben von anderen zusammen. Meine Freizügigkeit beschränkt das Leben anderer.

  • Shopping am Sonntag – und andere müssen für mich arbeiten. Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • „Freie Fahrt für freie Bürger“ – bis es kracht und sich dann alle scheinheilig fragen, wie das nur passieren konnte.          Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • Surfen im unbegrenzten Internet und Bilder gucken, die aus dem Leiden anderer geschaffen wurden. Klar, die Freiheit nehm ich mir.
  • Gehässige Machtspielchen: andere demütigen und schlechtmachen, damit ich selbst umso großartiger aussehe. Klar, die Freiheit nehm ich mir.

Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, was solche Freizügigkeit mit ihm selber macht? Wie es ihn gerade zu einem Sklaven deformiert, gefesselt an seine Wünsche, Triebe und an seine Boshaftigkeit?

Ich halte Jesus für den freiesten Menschen, der je auf Gottes Erde gewandert ist. Vollständig ungebunden an Menschen und Dinge. Aber total verbunden mit Gott. Er war so unglaublich frei, dass er sich an Menschen band, sich mit ihren Schicksalen verband.

Jesus war so frei – sich mit Leuten abzugeben, die sowas von out waren…

Jesus war so frei – Frauen ernst zu nehmen, auch wenn die Gerüchteküche deswegen bis heute brodelt.

Jesus war so frei – sich verhaften zu lassen, statt in die Freiheit zu fliehen

Jesus war so frei  – sich bespucken und demütigen zu lassen

Jesus war so frei – den Tod auf sich zu nehmen, obwohl er hätte leben können.

Die 9-jährige Stina hat mich gefragt, was für mich Freiheit ist. Ich habe lange überlegt – und Martin Luthers Doppelsatz hat mir dabei zur Seite gestanden. Dann habe ich ihr geantwortet:
„Freiheit ist, wenn ich keine Angst mehr habe – vor niemandem und vor nichts. Frei bin ich, wenn ich von dem, was ich habe, abgeben kann, ohne das Gefühl zu haben, dass ich dabei etwas verliere. Frei bin ich, wenn ich einen Menschen annehmen kann, auch wenn er garstig zu mir ist. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit ist, wenn ich keine Freiheit brauche, um frei zu sein.“ (Nelson Mandela empfand sich in den 27 Jahren, die er im Gefängnis verbringen musste, freier als seine Richter, die ihn dorthin geschafft hatten – ebenso Paulus im Gefängnis). Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Freiheit ist auch, dass ich zu Gott kommen kann. Freiwillig. Gott will mich berühren, mich einladen, zu entdecken, wie gut es mir bei ihm gehen wird. Aber er wird mich nie dazu zwingen, ihm zu vertrauen. Doch ist es schön z.B. an jedem Morgen, für eine Viertelstunde einmal niemand anderem zu gehören als ihm, in der Stille, im Beten, im Hören.

„Freiheit ist, wenn ich weiß, dass ich nichts tun und nichts zu besitzen brauche, um etwas wert zu sein. Wenn ich weiß, dass ich ohne all das wertvoll bin. Und ich weiß das, wenn ich geliebt werde. Wer geliebt wird und das weiß, der lebt in Freiheit“.

Liebe macht sowas von frei! Das haben die Menschen bei Jesus erlebt, diese Freiheit. Das haben Menschen von Jesus bekommen, diese Freiheit. Jesus ist Gottes Liebesbeweis. Er hat sich Freiheit nicht genommen, hat sie nicht jemandem gestohlen, wie wir Menschengeschwister das immer wieder tun. Nein, Jesus besaß sie einfach, in sich drin. Er hat denen die Freiheit gegeben, die sie nicht hatten: den Kranken und den Ausgestoßenen, den Betrügern und den Besserwissern, den Kleinganoven und denen, die auf dem Strich gehen. Am Kreuz  ist er „dienstbarer Knecht“ für uns alle geworden. Das ist die größte Freiheit.

Und auf seinem Weg mit uns nimmt er uns in diese Freiheit hinein wie ein Bergführer, der den Weg kennt. Ich brauche ihm nur zu folgen.

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan!

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!

Eine kleine Geschichte als Gleichnis zum Schluss:

Ich beobachtete die beiden Bergsteiger, die schon seit geraumer Zeit gewissenhaft und bedächtig ihre Ausrüstung überprüften. Jeder Griff saß, und ich hatte das Gefühl, dass dies für beide zwar Routine war, ihnen jedoch Freude bereitete. Sie prüften Karabiner, knoteten Seile, hängten Ausrüstungsgegenstände an ihre Gürtel und zurrten ihre Körpergurte fest – jeder für sich. Zu guter Letzt hängten sich beide ein langes, schweres Seil um, mit dem sie beide verbunden waren. „Entschuldigen Sie!“, fragte ich einen der beiden Bergsteiger: „Fühlen Sie sich frei?“ „Frei? – Wie meinen Sie das?“ „Ich meine : frei – sich ungehindert bewegen zu können. Frei – das Leben zu genießen. Frei – um schnell vorwärts zu kommen. Ich meine: Frei! Nicht gegenseitig verknotet, zusammengebunden, und eine schwere Last tragen zu müssen!“ Der eine Bergsteiger blickte den anderen an, und seine Antwort, so kam es mir vor, war die Antwort beider. „Wissen Sie“, sagte er, „ da wollen wir hinauf!“ Wir wollen einen besonderen Weg gehen, und wir möchten beide neue Horizonte sehen! Knoten, die fest sitzen, Karabiner, die halten und Gurte, die belastbar sind, haben wir uns sorgfältig gemeinsam ausgesucht. Genauso wie die Länge und das mögliche Gewicht des Seiles,mit dem wir beide in ebenem Gelände locker, aber wenn es darauf ankommt, sicher verbunden sind. Wenn Klippen zu überwinden sind, wenn Abgründe drohen, wenn wir in steiler Wand hängen. Das Seil erst lässt uns Wege gehen, die wir uns alleine nicht zutrauen würden, die wir alleine nie genießen könnten. Erst das Wissen um unsere sichere und feste Verbindung macht uns frei!“

 „Fürchte dich nicht, spricht Gott, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“